Alle Schritte zur finanziellen Stabilisierung der EU haben sich als wirkungslos erwiesen. Diese Tatsache muß Anlaß sein, sich die Frage vorzulegen, wo der Grund für das negative Ergebnis liegt. „Keine Experimente“, denn die Menschen sind keine Versuchsojekte, - leider ist der vernünftige Satz wider eine leichtfertige Gesellschaftspolitik völlig in Vergessenheit geraten. Denn es ist ja nicht nur die Lebenszeit von Millionen Bürgern, die vertan wird, sondern es sind auch die erdrückenden Belastungen, die den Bürgern heute und den künftigen Generationen aufgeladen werden. Der Moloch kennt keine Rücksicht.
Nur zögernd gestehen die Politiker ein, daß die entstandene Situation sich in absehbarer Zeit nicht verbessern wird. Mit Phrasen wie „Es wird eine langer Weg voller Rückschläge sein“ wollen sie die Bürger daran gewöhnen, daß ihr Leben sich dauernd in einer Abwärtsspirale bewegen wird und vor ihnen keine freudvolle Zukunft liegt. Damit setzen sie sich allerdings in Gegensatz zur ganzen menschlichen Geschichte, denn diese weist eine andere, eine aufsteigende Richtung auf: das Dasein des Menschen ist, trotz aller Rückschläge, durch Fortschritt gekennzeichnet.
Politiker, die, unter Vermeidung von Rückschlägen, den Fortschritt nicht organisieren können, sondern das Gegenteil bewirken, sind heutzutage fehl am Platz. Als Verwalter des Niedergangs steuern sie auf das Ende der Gesellschaft hin. So wird die Qual der Menschen ein Dauerzustand mit nachlassenden Kräften. Die westliche Zivilisation leistet nicht nur keinen Beitrag mehr zum Fortschritt der Menschheit, sondern vergiftet die internationale Atmosphäre und schafft ständig Konflikte. Daß der Mensch mit diesem System untergeht, wäre allerdings nur dann die Folge, wenn er nicht in der Lage ist, ein neues zu schaffen. Bloß, warum soll er dazu nicht in der Lage sein? Besteht wirklich eine zwingende, unlösbare Verknüpfung zwischen der westlichen Zivilisation und der ganzen Menschheit schlechthin? Können die heutigen Politiker wirklich die Tür der Menschheitsgeschichte zuschlagen? Oder wird die Menschheit Kräfte hervorbringen, die diese anachronistischen Gestalten aussondern? Ist der Optimismus realistisch oder nur Wunschdenken?
Worin besteht der eigentliche Grund der Perspektivlosigkeit der westlichen Welt? Wir sehen ihn nicht in den Verschiebungen der wirtschaftlichen Gewichte in der Welt, nicht darin, daß die großen Schwellenländer, die BRICS-Staaten, die „aufstrebenden Konkurrenten“, die bisherigen führenden Industriemächte von der Spitze verdrängen und auf hintere Plätze verweisen, sondern darin, daß die westlichen Industriestaaten unfähig sind, eine neue Form des menschlichen Zusammenlebens hervorzubringen. Entwicklung kommt zustande, insofern die Menschen den erreichten Zustand überwinden, weil sie eine Überzeugung von der Zukunft haben, daß diese lebenswerter als der erreichte Zustand ist. Fehlt ihnen aber eine solche Überzeugung, dann haben sie kein Motiv, ihren Zustand zu verändern.
Dieser Widerspruch ist nicht nur eine hypothetische Konstruktion, sondern er ist real, da die Bürger mit dem aktuellen Gesellschaftszustand nicht einverstanden sind. Die Menschen haben schmerz-liche Erfahrungen gemacht: alle Lösungsvorschläge im zwanzigsten Jahrhundert erwiesen sich als Irrwege. Die Enttäuschungen wirken nach. Unterdessen herrscht derzeitig wieder eine tiefe Unzufriedenheit und Verunsicherung, aber - und hier wiederholt sich das Bild - sie wissen keinen Ausweg. Sie kennen nur die Irrwege der Vergangenheit. Das führt dazu, daß viele Menschen jegliche Hoffnung aufgegeben haben, in dieser Welt eine befreiende Lösung zu finden. Das ist für viele eine seelische Belastung und führt zu psychischen Erkrankungen. Schlechte Politik macht die Gesellschaft krank. Schlimm ist, daß die allgemeine Verunsicherung durch Presse und Fernsehen kräftig unterstützt wird, daß sie ganz gezielt Irritationen verbreiten und eine Niedergangsstimmung erzeugen und die Menschen in eine geistige Sackgasse leiten. Die Medien sind übervoll von Kritik, wie jetzt im Falle von Wulff, aber die Kritik bleibt bei der Person Wulff stehen, sie behandelt die Affäre nicht als Symptom eines kranken Systems. - Diese Auswegslosigkeit ist gegenwärtig das wirksamste Mittel, die Menschen inaktiv zu halten. Wo aber sich die Probleme aufhäufen, ohne daß sich eine Lösung abzeichnet, dort macht sich Hoffnungslosigkeit breit, dort endet der Widerstand. Eine Opposition, die auf diesem Niveau verharrt, ist keine echte Opposition, sondern eine Form der systemstützenden Massenbetäubung. Es bestätigt sich immer wieder, der Unwille - und wird er noch so drastisch formuliert - reicht nicht aus und die Ablehnung der pessimistischen Voraussagen der Regierenden auch nicht, um die Verhältnisse zu ändern. Ohne Alternative bleibt alles beim alten.
Was ist typisch für den Bürger, der keine Zukunftserwartung hat? Ihm wird das Schicksal der Welt gleichgültig. Er zieht sich auf sich selbst zurück und stellt das eigene Wohlergehen vor das der Allgemeinheit. Und die neuen technischen Möglichkeiten, die seinen individuellen Spielraum vergrößern, scheinen diesem Verhalten genau zu entsprechen. Die Ablenkung ist das Mittel, die Selbstgenügsamkeit zu genießen. Ist damit das individualistische Verhalten eine direkte Folge des technischen Fortschritts? Hat der Höhenflug der Unterhaltungsindustrie hier seine Wurzeln? Es scheint so zu sein, wenn man sieht, wie die Technik immer neue individuelle Genüsse ermöglicht.
Das ist eine unmittelbar Tatsache, die aber den wesentlichen Sachverhalt nicht widergibt. Hier muß unterschieden werden zwischen Individualismus als einer Ich-zentrierten Verhaltensweise und Individualitätsentwicklung als einer subjektiven Differenzierung. Wie die Symbiose in der Natur beweist, schließt das Anderssein das Andere durchaus nicht aus, sondern hat dieses zur Voraus-setzung der eigenen Existenz. Der Individualismus ist auf Grund seiner fehlenden sozialen Bezie-hung eine das Subjekt zerstörende Haltung, ist eine falsche Schlußfolgerung in einer bedrohten Situation. Mehr noch, der Individualismus ist eine den Einzelnen versklavende Ideolgie der Zivilisation. Die Droge, in welcher Form auch immer, ist das Mittel, den selbstzerstörerischen Individualismus in Umlauf zu bringen. Daher ist es nicht verwunderlich, daß heute aller selbst-zerstörerische Genuß hoffähig gemacht wird. Mit dieser Einstellung kann der Einzelne nicht verhindern, daß sich seine Situation verschlechtert, denn auf die großen Weichenstellungen nimmt er keinen Einfluß. Er fürchtet den Abstieg, aber er begibt sich auf ihn. Er sucht seinen Frieden, indem er sich keine mehr Ziele stellt.
Will er dieses Wechselspiel von Abstieg und Ziellosigkeit durchbrechen, muß er sein Augenmerk auf außer ihm Liegendes richten, sich in der Welt positionieren, denn sein Wesen offenbart sich in der Wechselwirkung mit seiner Unwelt. Der Lebensgenuß, der heute so hoch im Kurs steht, muß ein Maß haben, das in der Veränderung außerhalb seiner selbst liegt. In der Nützlichkeit für andere liegt sein Sinn. Wo seine Gemeinschaft ist, da ist seine Welt.
Der Bürger ist nicht souverän, weil er nicht selbst organisiert, weil er wie ein Kind geführt wird. Dieses Fernhalten des Bürgers von der Entscheidung verhindert eine neue Art der gesellschaftlichen Richtungsbestimmung. Man muß klar sagen: eine Umsteuerung der Gesellschaft ist nur unter Einbeziehung aller Bürger möglich. In der Zivilisation war es dagegen der „Eine“, der „Alle“ dirigierte. Folglich: Der Bürger darf nicht länger bestenfalls diejenigen auswählen, die ihn regieren, sondern er muß selbst an der Steuerung teilnehmen. Dabei ist die Frage von grundsätzlicher Bedeutung: Wird der Wille des Bürgers nur auf ein Aufbruchssignal reduziert, oder ist er auch eine Bewertung, eine Form von Selbstbewußtsein? Wenn der Wille konkretes Handlungsbewußtsein ist, dann kann er nicht einem anderen übertragen werden, denn dann würde sich der Übertragende einer Fremdsteuerung unterwerfen. Möglich ist nur die Schaffung solcher Bedingungen, unter denen die Beteiligten ihren Willen verwirklichen können. Der Wille selbst ist nicht delegierbar. Er bleibt immer im Besitz des Wollenden. Anders ist freie Indiviualität nicht denkbar.
Die Rolle des Politikers muß eine andere werden. Nicht ihm steht der Mittelpunkt zu, sondern dem Bürger. Die Politiker türmen Schulden auf, die nicht rückzahlbar sind. Die Politiker brechen Gesetze, ohne sich verantworten zu müssen. Die Politiker zitieren allgemeine Menschenrechte, um Kriege zu rechtfertigen. Die Politiker bestimmen, was Recht und Ordnung ist. Sie bewegen sich wie Götter unter den Menschen. Seit eh und je sprechen sie dem Volk die Fähigkeit ab, zu erkennen, was notwendig ist. An diesr Selbstüberhebung hat sich während der ganzen Zivilisation nichts geändert. Doch heute fällt diese Überheblichkeit besonders auf, weil die Bürger in bisher nicht erreichtem Maße gebildet und informiert sind. Damit diese Welt dennoch als richtige Ordnung erscheint, muß der Bürger zum Unmündigen erklärt werden, der einen Vormund braucht, nämlich ihn, den Politiker. In der letzten Phase der Zivilisation wird dem Bürger zwar gesagt, infolge der Aufklärung, daß er der Souverän ist, aber mit dem Hinweis, daß er dennoch unfähig sei, das Richtige zu tun, wenn ihm nicht vorgeschrieben wird, was er tun soll. Der tiefste Grund seiner Überforderung sei seine niedere Eigensucht, die dem Erfassen größerer Zusammenhänge im Wege stünde. Der Bürger könne nicht das Große-Ganze überblicken, sondern habe nur seinen augenblick-lichen Vorteil im Kopf. Diese Aussagen widersprechen dem Begriff des Souveräns völlig. Beson-ders verunglimpfen sie seinen naturgegebenen alltäglichen „Materialismus“, was in jeder Hinsicht unsinnig ist. Denn wer lebte die ganze Zeit über in Saus und Braus? Ist es tatsächlich so, daß der Bürger ohne den besorgten Politiker über seine Verhältnisse lebt? Auch die heutigen Schulden können so nicht erklärt werden. Oder ist es so, daß diejenigen, die ihn bisher an der Hand hielten, stets an dem Ast sägten, auf dem er saß? Bisher hat die Geschichte nur diesen Beweis erbracht. Wie anders wäre sie verlaufen, wenn man auf des Volkes Stimme gehört hätte.
Der Wille ist mehr als ein Signal zur Tat. Er ist das Bewußtsein einer aktuellen Notwendigkeit, einer Tat, die das Notwendige vollbringt. Hier liegt der Unterschied zwischen Wille und Willkür. In seinem Willen wird sich der Mensch der Notwendigkeit bewußt, etwas Bestimmtes tun zu müssen. Dem willkürlichen Handeln fehlt diese Begründung. Es vollzieht nicht eine Notwendigkeit, sondern behauptet sich als Einzelnes. Der auf der Notwendigkeit beruhende Wille geht über den Einzelnen hinaus, er will etwas für die Gemeinschaft leisten. In einem solchen Willen leuchtet ein Stück Wahrheit der gemeinsamen Bewegung auf. Ein solcher Wille ist ein Lichtblick für alle und wird entsprechend geachtet. Der Bürger ist nicht am Willen zur Macht interessiert, wie die Herrschenden, sondern am Willen zur Wahrheit. Das ist ein anderer, ein neuer Wille.
Der Wille ist ein Anstoß zur Bewegung, wie wir ihn überall in der Natur antreffen. Aber darauf darf man ihn nicht reduzieren. Er ist mehr. Er ist die Folge von Wissen, Wissen von etwas, das ohne dem Wollenden existiert und Wissen von etwas, das nur existiert, weil der Wollende es braucht. Im Willen schmelzen beide Seinsbereiche zusammen. Deshalb gilt: Wer den Willen der Bürger mißachtet, der sich auf verschiedenen Ebenen ausdrückt, angefangen vom Einzelnen bis zum ganzen Volk, der verhält sich in geschichtlicher Hinsicht falsch.
Wie alles Bewußtsein so muß auch der Wille der Kritik unterliegen, um die Spontaneität zurückzudrängen. Je mehr Wissen in die Diskussion eingebracht wird, desto aufgeklärter und erfolgversprechender ist die Handlung. Insofern lenkt das Wissen den Willen. Doch es gilt: Selbst ein wenig aufgeklärter Wille ist besser als die Fremdbestimmung, weil selbst ein wenig aufgeklärter Wille einen Lernprozeß auslöst. Bewegung durch Fremdbestimmung und Bewegung durch Selbstbestimmung sind eben verschiedene Abläufe. An dieser Wegscheide stehen wir gegenwärtig.
Die heutige Technik, insbesondere die Kommunikationstechnik, ist die sichere Voraussetzung für den Optimismus der alternativen demokratischen Opposition. Der Informationsaustausch wird einfacher, billiger und schneller. Das Bewußtsein des Menschen läßt sich nicht mehr in Herrschafts-verhältnisse zwängen. Unwahres wird gleich erkannt und ausgefiltert. Je mehr Menschen aktiv an der weltweiten Kommunikation teilnehmen, desto schneller wächst die Kreativität und damit die Voraussetzung zur größten Umgestaltung - die Wiederholung der Natur durch den Menschen.
J. Hertrampf 05.01.2012