Rede am 22.04.2011 in Niederkaina
von Dr. J. Hertrampf

Liebe Teilnehmer unserer Gedenkveranstaltung

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde an dieser Stelle eine grausame Tat begangen.
66 Jahre sind es her, doch das Massaker bleibt unvergessen - die Gedenktafel mahnt jeden.
Eine solche Gedenkstunde ist eine Prüfung, der wir uns unterziehen. 
Was würden uns die Toten fragen. Würden wir die Prüfung bestehen?
Warum seid ihr so unseins geworden?
Warum gibt es Deutsche, die Deutschland hassen?
Warum laßt ihr es zu, daß dieser Gedenkstein  geschändet wird?
Solche Fragen würden uns im Innersten treffen, denn wir spüren eine Schuld in uns.

Wir müßten offen gestehen:
Nein, wir haben nicht alles richtig gemacht seit 1945. Wir haben vieles versäumt. Wir haben zwar oft gezweifelt, wenn die Geschichte undifferenziert wiedergegeben wurde und die Deutschen als die einzigen Schuldigen des europäischne Unglücks hingestellt wurden. Aber wir waren oft zu inkon-sequent, den offensichtlich einseitigen Bewertungen auf den Grund zu gehen.

Wir haben nicht den Vorsatz von 1945 befolgt, „Von Deutschland soll nie wieder Krieg ausgehen“.
Wir prüften - der überwiegende Teil der Deutschen - weder im östlichen, noch im westlichen Teil unseres Vaterlandes, die Heilsversprechungen der Siegermächte und ihrer deutschen Helfer, sondern nahmen sie hin, getragen von dem Wunsche, die Vergangenheit mit all ihrem Leiden möglichst schnell hinter uns zu lassen.                                                                                             
Wir haben uns wegen der Schuldvorwürfe bis zur Selbstverleugnung gebeugt und dadurch viel von unserer Kraft und Glaubwürdigkeit eingebüßt.                                           
Wir haben den Wahlspruch Immanuel Kants, des großen deutschen Philosophen aus Königsberg,  nicht beachtet: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“

Keine Siegermacht hat uns aufgefordert, das zu tun, sondern sie drängten uns, ja sie zwangen uns ihre Meinung auf, weil sie andere Zwecke verfolgten. Die Deutschen in Ost und West wurden einer intensiven Umererziehung unterzogen. Die Siegermächte erklärten uns für unfähig, den richtigen, eigenen Weg zu finden. Rückblickend ist es zweifelsfrei: Sie waren nicht unsere Freunde, denn sie haben uns entmündigt und uns zu Vasallen gemacht. Sie haben uns auf den falschen Weg einer neuen Unfreiheit gelenkt, nicht auf den Weg der Erneuerung Deutschlands.

Der Grundstein für die Krise von heute wurde damals gelegt. Alle nachfolgende Politik war dadurch vorbestimmt. Die Nachkriegszeit leitete nicht eine Wende ein, sondern war die Fortsetzung einer für Deutschland verhängnisvollen Politik. Deshalb stehen wir heute vor der endgültigen Zerstörung Deutschlands und Europas.

Eine solche selbstkritische, auf die ganze Wahrheit ausgerichtete Betrachtungsweise unserer Geschichte seit jenem Frühjahr 1945, speziell eit jenem Ereignis,weshalb wir uns hier zusammmen-gefunden haben, ist notwendig. Wir müssen uns immer wieder prüfen, wenn wir endlich eine neue Richtung einschlagen wollen. 

Deutschland steht heute endgültig am Scheideweg.
Unter der Last der Krise der EU und unseres eigenen, haushohen Schuldenberges werden die demokratischen und sozialen Säulen von Tag zu Tag brüchiger und drohen einzustürzen. Die Angst  vor der EU verbreitet Hoffnungslosigkeit, löst aber auch zunehmend den Widerspruch der Völker aus. In allen Ländern wächst die EU-kritsiche Stimmung. Auch wir Deutschen müssen uns sammeln, damit  Deutschland nicht über Brüssel abgeschafft wird. Wir müssen die Schuldenpolitik von Bundesregierung und Bundestag, die von der Mehrheit der Deutschen abgelehnt wird, durchkreuzen, im Interesse unseres Landes, im Interesse Europas.
    
Wir verdrängen und vereinfachen nicht die Geschichte, das beweisen Gedenktafeln und Stolpersteine. Deshalb unterstützen wir auch die Forderung nach einem Mahnmal der ermordeten und vertriebenen Deutschen. Das sind nicht Stätten des Hasses, sondern des Anstoßes für ein freimütiges Gespräch zwischen uns und den Nachbarvölkern. Auch bei ihnen setzt verstärkt eine differenzierte Betrachtung der leidvollen Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts ein. Erkennen wir die Gemeinsamkeiten der Völker Europas. Wir alle haben unter den Gräben und Konflikten gelitten, mit denen uns herrschende Mächte entzweit haben. 

Gedenkstätten und Gedenkveranstaltungen dienen der Verständigung zwischen den Völkern. Nicht die Selbstverleugnung, sondern die Wahrheit ist die Grundlage der Verständigung und der vertrauensvollen Zusmmenarbeit. Damit knüpfen wir auch ein ein Band zwischen den heute lebenden Generationen und ein Band zwischen den Toten und den Lebenden.   
Wirkliche Trauer ist ein ehrliches Zwiegespräch und eine schonungslose Selbstprüfung.

Wer kämpft, hat das Recht zu trauern. Wer trauert, hat die Pflicht zu kämpfen.

Wirkliche Trauer verbindet die Menschen zu einer festen Gemeinschaft.  

Auch diese Gedenkstunde ist ein Zeugnis unseres Volkslebens, unseres erwachenden Mutes.