Zwischen Irrweg und Ausweg

Die Hegelsche Aussage, „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“, ist gleichsam ein Mantra aller Weltverbesserer, denn sie wissen angeblich um die Notwendigkeit und versprechen damit die Freiheit. Aus zwei Gründen kann jedoch diese Aussage nicht befriedigen. Erstens wird die Freiheit auf einen geistigen Akt reduziert, auf die Einsicht. Das reicht dem Freiheitssuchenden in der Regel nicht aus. Er will die Freiheit erleben. Und zweitens: Gibt es überhaupt die Notwendigkeit, die man nur einzusehen braucht, um frei zu sein? Diese Notwendigkeit gibt es nicht. Es gibt immer nur konkrete Umstände, die geändert werden müssen, wenn eine spezielle Not beseitigt werden soll. Die Gegenüberstellung von Freiheit und Notwendigkeit ist eine Ideologie, der keine speziellen Realitäten entsprachen. Deshalb lag der Übergang vom Reich der Freiheit ins Reich der Notwen-digkeit als Erlösung von menschlicher Drangsal in der Zukunft. 

Das ist die Gefahr von Abstraktionen, daß sie sich verselbständigen und Welten suggerieren, die es nicht gibt, daß sie Mittel sind, um Hoffnungen zu verbreiten, die mit Enttäuschungen enden. Daß sie benutzt werden, um Menschen zu beruhigen und gefügig zu machen. Die Idee der Notwen-digkeit als Bedingung der Freiheit gibt bis heute dem Zwang und der Entsagung einen Vorge-schmack, der sogar die Selbstverleugnung rechtfertigt.

Die Notwendigkeit ist nicht das Gesetz, sie ist Zustandform von etwas, in dem Gesetze wirken.
Auf Grund der gesetzlichen Unabänderlichkeit hat die Notwendigkeit etwas Zwingendes an sich. Sie muß eintreten, wenn der Mensch überleben will. Aber geht der, der die Not wendet, schon den einzig richtigen Weg? Das bleibt offen. Geht aus der Erkenntnis der Gesetze, die den Notstand  unweigerlich zur Folge haben, schon die weitere Wegbestimmung hervor? Eine solche direkte Abhängigkeit begrenzt die Notwendigkeit auf Korrektur. Aber es gibt Zustände, die sich nicht mehr korrigeren lassen. Der Entwicklungsweg hat seine eigene Logik, die sich nicht aus den Gesetzen, durch die er sich vollzieht, ableiten läßt. Er wird getragen durch das jeweilige System der Gesetze, kann aber aus diesen nicht abgeleitet werden. Der Zeitverlauf eines Phänomens hat sein eigenes Gesetz. Demzufolge gibt es interne und externe Ursachen für Notwendigkeiten. Gemeinsam ist den Notwendigkeiten, daß sie aus Sicht des Phänomens spontanenen Charakters sind und damit ein Ausdruck von Unrationalität der Entwicklung.

Die Notwendigkeit ohne Wahrheitserkenntnis ist blind. Und insofern wird die Freiheit zum Irrtm, zum Hirngespinst. Allein der Hinweis von jemandem, er sei für die Freiheit, reicht nicht aus, wenn er nicht nachweisen kann, wodurch er zur Freiheit kommt. Die Freiheit muß auf den Prüfstand der Vernunft, damit der Irrtum ausgeschlossen ist. Wenn die bisherige Geschichte eine Abfolge von Irrtümern war, dann deshalb, weil der Zweck des Geschichtsverlaufs nicht bekannt war, sondern sich als Handlungsfolge von Behauptungen vollzog, weil man eben nicht den Sinn vom Geschichts-verlauf kannte und deshalb von einem Freiheitsirrtum in dem anderen stolperte.

Der moderne nach Freiheit strebende Mensch will die Freiheit weder nur geistig, noch will er sie als Nachvollzug einer empfundenen Notwendigkeit. Er erhebt den Anspruch, Neues zu entdecken. Ihm reicht das Abstrakte nicht aus, er will das Neue, das erlebbare, andere Konkrete. Das deckt sich mit der Natur, denn alles in ihr ist konkret und anders. Er will den Umbruch, ein neues Anderes, das das alte Andere einschließt. Und dieses neue Andere soll sich vom alten Anderen dadurch unterschei-den, so hofft er, daß es für den Menschen eine Bedingung, aber keine Not ist.

Damit kommen wir zu der Feststellung, daß die moderne befreiende Bewegung eine neue Form ist. Sie anerkennt zwar die Bedingung, aber nicht den Zwang, sie ist für das Subjekt keine Notwendig-keit, kein Muß gegen seinen Willen. Nicht die Überwindung des Widerwillens, sondern die Freude am Neuen soll das Grunderlebnis menschlicher Handlung sein. Es ist ein Unding unserer Zeit, daß sich die Menschen vor der Zukunft fürchten. Der Grund dafür ist: sie ist noch unbegriffen. Die geistigen Wurzeln begrenzen stark, aber sie sichern auch ab. Wenn die Notwendigkeit verschwindet, verschwindet auch die Freiheit als Ziel. Dieser Bezug gehört einer bestimmten Gesellschaftsform an, der Zivilisation. Die Ära geht zu Ende, da der Mensch der Not gehorchend handelte. Das Leiden ist dann nicht mehr der Preis des Glücks, die Entsagung nicht mehr die Voraussetzung für den Genuß. Notwendigkeit und Freiheit sind historisch begrenzte Begriffe, mit denen der Mensch sich orientierte, die ihm also hilfreich waren. 

Die Zukunft klopft mahnend an die Tür. Die beiden Weltkriege als Verweis auf gesellschaftliche Not blieben von der Menschheit unbegriffen. Ein Umdenken erfolgte nicht. Oswald Spengler blieb mit seinem Denkanstoß „Der Untergang des Abendlands“ weitgehend isoliert. Mit Eintritt in das Zwanzigste Jahrhundert begann eine Abfolge globaler vom Menschen verursachter Katastrophen. Das kann so interpretiert werden: Eine neue Stufe des menschlichen Entwicklungsweges mußte genommen werden, denn der technisch genutzte Umfang der Naturgesetze wurde größer. Es wurde nicht gesehen, daß damit auf allen Gebieten des Lebens ein tiefer qualitativer Einschnitt verbunden war. Man war sich bewußt, daß eine neue Ära in der Luft lag - technisch, wirtschaftlich, wissen-schaftlich, künstlerisch. Man war sich nicht bewußt, daß man ein unermeßliches Zerstörungswerk  in Gang setzte. wenn man nicht umgehend auf dem Weg der natürlichen Zwecksetzung einen Riesenschritt nach vorn zu tat. 

Die Lösung des Energieproblems ist das Schlüsselproblem des Übergangs in die Zukunft. Wenn  dieses erfolgreich angepackt wird, dann wird das Verhältnis des Menschen zur Natur zukunftsoffen, dann hat er eine Zukunft. Doch die energiewirtschaftliche Ausrichtung, die er einschlug, war falsch, denn sie verharrte in traditionellen extensiven Bahnen. Er wollte das Problem lösen, indem er immer neue exklusive Ressourcen anzapfte. Er wollte es lösen, ohne eine wirkliche Wende zu voll-ziehen. Auch die sozialistische Zukunftsvision blieb in der Vergangenheit stecken. Der Sozialismus setzte   auf ein überlegenes Mengenwachstum. Anstatt sich auf neue Wege zu begeben, trat man in Wettbe-werb auf alten Wegen. Man kaschierte die eigene Fragwürdigkeit mit der irrationalen Losung „Überholen ohne einzuholen“, bis klar war, daß das Ziel sich um so mehr entfernte, je länger man es verfolgte. Verkennen wir nicht die Umstände, die das Fehlverhalten begünstigten. Es war so, daß diese dem  Neuen feindlich gegenüberstanden, aber es gab auch keine Vorstellung von einer Energiewende. Die ganze Welt folgte dem bekannten Muster. Die ganze Welt starrte gebannt auf die unerschöpfliche Quelle, die Kernenergie. So kommen wir zu dem Ergebnis: Die Politik aller Schattierungen hat als Wegweiser versagt. Daher jetzt das böse Dilemma. 

Die energetische Wende ist aufs engste an den politischen Wandel gebunden. Sie ist ein Stück gesellschaftlicher Erneuerung. Das, was für die gesamte Gesellschaft typisch ist, ist auch für jedes Teilgebiet typisch. Deshalb sind die Begriffe Wende und Erneuerung aus dem Munde der alten Politiker leere Sprechblasen.

Die Freiheit zu fordern, reicht nicht aus, man muß wissen, wohin die Gesellschaft sich entwickeln muß. Der höheren Individualitätsstufe des Menschen entspricht die universelle Kooperation, das Zusammenrücken alles Lebenden. Eine solche Existenzweise muß kleinräumig aufgebaut sein, ohne sich darauf zu beschränken. Aber das Existenzrecht des einzelnen Lebendigen ist das Maß der Gestaltung des Ganzen. Eine solche Organisationsweise ist mit einem enormen Kommunikations-aufwand verbunden, denn alles Belebte hat mitzureden, damit es nicht im Ganzen verschwindet.

Die energetische Wende verschüttet nicht die Souveränität des Einzelnen. Sie ist eine Bedingung   seiner Entwcklung. Sie respektiert die Besonderheit der Individuen und knüpft das Netz zwischen ihnen enger. Keiner auf Kosten des anderen, sondern jeder im Bunde mit allen. Hier gibt es keinen Endzustand, sondern nur eine stetige Annäherung, die am Anfang mehr Bemühen als schon Resultat ist, aber immer als Maxime wirkt. 

Der Mensch bedient sich neuer Energiereserven, wobei es vor allem um Abzweigung von Energie-potentialen geht. Die Natur ist verschwenderisch. Spontaneität setzt Überfluß voaus. Dieser  eröffnet Möglichkeiten, sich einzuklinken, durch Informationsaustausch teilzuhaben an den Energieströmen, ohne die Reproduktion der Vielfalt zu gefährden, denn die Vielfalt gibt ihm die Sicherheit seiner Exitenz, auch in energetischer Hinsicht. 

Alles läuft auf die Sonnenenergie hinaus, in ihrer direkten und in ihrer indirekten Nutzung. So ist der Satz zu verstehen. Der Mensch muß lernen, mit der Sonnenenergie auszukommen. Diese Fähigkeit schließt ein, den spezifischen Energieaufwand rapide zu senken. Das alles zusammen ergibt ein unerschöpfliches Potential, vorausgesetzt, er vervollkommnet ständig sein technisches Repertoir. 

Energetische Wende ist also nicht Energieausbeute im bisherigen Sinne, die immer zu einer Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen führt, sondern eine Lösung des Energieproblems durch ökologische Vernetzung, eine Umlagerung von Energie, ohne Verbrauch von Tier und Pflanze als bloße Energieträger. Die allseitige differenzierte Kommunikation ist eine Bedingung der energe-tischen Wende. Der Mensch zieht nicht nur aus einer Beziehung seinen Bedarf, sondern aus allen. In allen seinen Beziehungen geht es um höhere Rationalität und damit um eine Senkung seines spezifischen Energieaufwandes. Das absolute Quantum ist eine relativ konstante Größe, also alle Sonnenenergie die von der belebten Natur genutzt wird, alle Energie, die auf die unbelebte Erde trifft und alle Energie irdischen Ursprungs. Es sind gewaltige Energiemengen, die ihm zur Verfügung stehen, die er mit wachsendem Anteil durch sich leiten kann, im Bewußtsein seines Funktionsgebotes im System der Natur. Das ist die gewaltige Herausforderung, die den Begriff der Wende verdient.            

Energiewende ist nicht schon, wenn von heute auf morgen die Atomkraftwerke abgestellt werden  und die Landschaft und die Küsten mit Windrädern zugestellt werden. Die gegenwärtig 21607 Anlagen reichen aus. Oder wenn durch intensiven Pflanzenanbau die Landwirtschaft zum Primär-lieferant umfunktioniert wird. Wo bleibt die dezentrale Solartechnik, gekoppelt mit anderen verbrauchergerechten Energie-Techniken, z.B. die Brennstoffzelle? (siehe hierzu Sigurd Schulien) Dezentral, umfassend und auf die Lebensformen und -ansprüche zugeschnitten muß die Wende sein. Die Senkung des spezifi-schen Energieverbauchs ist das Einstiegssznario in die enegetische Wende. Aber auch diese Orien-tierung bedarf einer wissenschaftlichen technisch-ökonomischen Analyse und nicht politisch motivierter Terminsetzungen. Vor allem muß die Wende unittelbat vorteilhaft für den Bürger sein.

Die einfache Hinwendung zur Kernenergie als eines unerschöpflichen Reservoirs war eine kolos-sale Fehlentscheidung, die eben dem alten Denken entsprach. Eine Entscheidung der alten Köpfe, die es nicht besser wußten? Die Alternativlosigkeit ist seit jeh ein Argument der Politik. Für sie bestand kein Zwang zur natürlichen Rationalität. Die Hinweise auf die Gefahren, selbst das Unglück von Tschernobyl, das alles wurde nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen. Wo ein unerschöpfliches Reservoir vorhanden ist, werden Vernunft und Rationalität vernachlässigt. Die Effiziens der Atom-Wirtschaft war eine der größten Lügen des Zwanzigsten Jahrhunderts. Schon allein die Entsorgung des heutigen Abfalls und der vorhandenen Anlagen ist völlig offen. - Die Kernenergie ist nicht nur wegen ihres lebensbedrohlichen Materials abzulehnen, wegen der bisher ungelösten Entsorgung des Atom-Mülls und Anlagenschrotts, sondern vor allem wegen ihrer Uner-schöpflichkeit und der monopolistischne Erzeugung, die dem energetischen Rationalismus diame-tral entgegen steht. Ein solches Energiereservoir muß den Menschen fehlorientieren. Er beschreitet einen technischen Weg, der nicht am qualitativen Umschlag orientiert ist, zu einem kooperativen Umgang mit der belebten Natur. Es scheint, daß er sich vom Energiefaktor unabhängig machen könnte. Die Entscheidung im Zwanzigsten Jahrhundert für die Kernenergie zeigt deutlich, daß das öffentliche Bewußtsein nicht auf der Höhe der Aufgabe stand.   

Die energetische Wende ist nicht nur eine Abwende von der Kernenergie, sondern eine Abwende von der ganzen zivilisatorischen Energiegewinnung. Wer sie auf Abwende von Kernenergie reduziert, setzt sie in der traditionellen Weise fort und behindert damit den Wandel. Zwischen der massenhaften Verbrennen von Kohle, Öl, Gas und dem “Verbrennen“ von Uranbrennstäben besteht kein grundsätzlicher Unterschied, nur die Technologien und die daraus resultierenden Probleme sind ungleich. So ist die sogenannte grüne regenerative Energiegewinnung auch kein neues Heran-gehen. Die Hinwendung zu erneuerbaren Energien durch Pflanzennutzung, z.B. Kraftstoffgewin-nung aus Getreide und Mais, ist eine spezielle Form der Naturzerstörung. Was es daran zu feiern gibt, ist schleierhaft, zumal man ihre Kosten noch vom Geschädigten bezahlen läßt. Viele E10-Bၥenzin-Verweigerer haben wirkliche ökologische Verantwortung bewiesen. Sie erkannten: Das ist keine gute Idee. Sie führt zu neuen Naturbelastungen, nicht nur infolge der Monokulturen, sondern auch infolge genetischer Eingriffe und des Artensterbens. Wie soll der schnell steigende Bedarf an pflanzlichen Energieträgern anders als durch genetische Eingriffe gesichert werden? Es entsteht eine völlige Verzerrung des natürlichen Gleichgewichts mit Spätwirkungen. Wer zum vorsichtigen Umgang mit der Technik mahnt, ist kein Technikfeind. Die „Grüne Revolution“ ist eine Täuschung, weil sie keine Wende ist.    

Die Energiepolitik hat den richtigen Zeitpunkt für neue Weichenstellungen verpaßt, was Mensch und Natur teuer zu stehen kommt. Sie hat sich nicht nur opportunistsich gegenünber den Energie- und Ölkonzernen verhalten, sondern sie hat keine alternative Linie, mit der sie in der Öffentlichkeit wirbt. Schärfer noch, sie hat im Auftrag der Energiekonzerne die Alternativen unterdrückt. Die Kritik, die kürzlich J. Habermas an Bundeskanzlerin Merkel übte, kann man auf die gesamte Politik beziehen. Sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Energiepolitik führt die Bundesregierung nicht, sondern geht an der Leine der finanzstarken Lobby. 

Die zukunfsorientierte Energiepolitik hat eine andere Blickrichtung. Der Mensch muß teilnehmen am gesamten Energiekreislauf auf der Erde, sich in diesen einklinken und nicht einen Kreislauf neben oder gar gegen diesen entwickeln. Auch in der Energiepolitik geht es verstärkt um Querschnittsbeziehungen, um eine Sicht, die auf die  ganze Natur ausgerichtet ist. Bis jetzt hat sich der Mensch sehr egoistisch verhalten. Seine gestalterischen Fähigkeiten bezogen sich nicht auf existierende Funktionszusammenhänge. Sein ästhetisches Bewußtsein, welches bisher ein exklu-sives Dasein führte, Luxus war, wird nun Lebensbedingung für alle. Es hilft, neue Schwerpunkte zu erkennen und neue rationale Netze in der Wirklichkeit zu knüpfen. Harmonie ist ein Zustand, bei dem jedes Teil sucht und findet, ohne von Angst und Notwendigkeit getrieben zu sein.

Wir gehen also nicht einer allgemeinen Unabhängigkeit entgegen, sondern neuen Abhängigkeiten, die die Harmonie des Ganzen ergeben. Es sind keine erzwungenen Abhängigkeiten, sondern  gewollte. Auf der Suche nach neuen Abhängigkeiten organisiert der Mensch die irdische Symbiose.  Vom Herrschaftsprinzip der Zivilisation ist dann keine Spur mehr.  

                                                                                                     Dr. J. Hertrampf (13.04.2011)

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