Der Kredit


Im Vergleich zu früheren Zukunftsvorstellungen setzt sich heute die Erkenntnis durch, dass man bei der Erneuerung der Gesellschaft das Geld nicht abschaffen darf, sondern dass das Geld auch  künftig Tauschmittel bleibt und beim Umbau der Gesellschaft eine gewichtige Rolle spielen wird. Geld ist eine alte Erfindung, eine unverzichtbare Sozialtechnik, die den beteiligten Individuen eine weitgehende Bedürfnisbefriedigung ermöglicht. Geldgebrauch liegt im Sinne der Menschen und fördert im besonderen die Ausbildung der menschlichen Individualität.   

Die Differenzierung menschlicher Individualität ist unerschöpflich wie die Vielfalt der Welt unbegrenzt ist. Die Gegenstände der Tätigkeit werden immer mannigfaltiger und damit werden die  geldvermittelten Tauschprozesse verzweigter. Geld ist ein feingliedriger Maßstab, mit dem die Menschen ihre Beziehungen untereinander und zu ihrer natürlichen Umwelt bewerten können. Die Klagen über das Geld und noch mehr die Verteufelung des Geldes sind grosse Irrtümer oberfläch-lichlichen Denkens. Dass die Gesellschaft ohne Geld menschlicher sein könnte, ist eine nutzlose Utopie. Ohne Geld würde augenblicklich Chaos ausbrechen. Jegliche Geldfeindlichkeit geht am Zweck von Gesellschaftskritik vorbei.

Wenn das Geld Maßstab menschlicher Beziehungen ist, so ist es auch Maßstab menschlicher Leistung, denn Leistung schlägt sich in den Beziehungen nieder. Zunehmende Differenzierung der sozialen und natürlichen Beziehungen muss als höhere Leistung anerkannt werden. Leistungs-wachstum ist also eine menschliche Fähigkeit, ist eine Bedingung der fortschreitenden Vergesell-schaftung des Menschen.

Menschliches Wachstum ist nicht einfach lineare Ausdehnung, sondern ist Änderung des Gegen-standes, des Inhalts von Tätigkeit und daher durch Umbrüche gekennzeichnet, die in Summe zum  gesellschaftlichen Gestaltwandel führen. Eine Gesellschaft, die nicht wächst, verkümmert. Eine Gesellschaft, die nicht wandlungsbereit ist, ist wachstumsfeindlich. Das Geld als Maßstab abstra-hiert von diesem Wandel. Aber die durch Leistung vergrösserte Geldmenge zeigt an, dass der Wan-del stattfindet, dass er in der richtigen Richtung, der universellen Aneignung der Natur, verläuft. Diese abstrakte Messung mit Hilfe des Geldes ist ein wichtiges Mittel der Analyse, um Hinweise für die Beschaffenheit der Geselllschaft zu erhalten. Heute, am Beginn des grössten menschheits-geschichtlichen Umbruchs, erhebt sich mit besonderer Dringlichkeit die  Frage, wie das Geld am Wachstum beteiligt ist und woher das Geld für das Wachstum kommt.

Das Tauschgeschäft in der einfachen Warenproduktion ist:
Ware - Geld - Ware.
Aber das Wachstum kann damit noch nicht erklärt werden. Der Warentausch erzeugt nicht von sich aus Wachstum. Andererseits findet das Wachstum innerhalb des Tauschprozesses seinen partiellen Abschluss, muss es sich in ihm verwirklichen. Um zu wachsen, bedarf das Subjekt der Waren und um sein Wachstum zu beweisen, muss es Waren herstellen und am Warenaustausch teilnehmen:
Ware - Subjekt - Subjekt' - Ware'.
Es ist eine Tatsache, dass mit dem Eintritt in die Warenproduktion das Schöpfertum intensiver wurde, dass mit dem Übergang zur Marktwirtschaft, einer Gesellschaft, in der der Warenaustausch institutionalisiert ist, der Markt als Ort, an dem sich Verkäufer und Käufer suchen und finden, eine höhere gesellschaftliche Dynamik eintrat. Das Wachstum bewirkende Subjekt, der Unternehmer, findet also im Handel treibenden Subjekt, dem Händler, seine Ergänzung, sein Alter ego.   

Wenn die Frage beantwortet werden soll, wie Geld am Wachstum beteiligt ist, dann muss gefragt werden, wie Geld an der Subjekterweiterung beteiligt ist, wie es zur Subjekterweiterung beiträgt. Geld kann nicht konsumiert werden, aber ohne Geld gibt es keinen freizügigen Konsum. Wachstum vollzieht sich nicht neben dem Warenaustausch, sondern durch ihn. Ein Mensch wächst, wenn er etwas unternimmt, wenn er Unternehmer wird. Die Besonderheit des Unternehmers gegenüber den anderen Tauschpartnern besteht darin, dass er mehr Geld besitzt als er durch eigene Warenpro-duktion erworben hat. Es tauscht Waren ein, ohne vorher selbst eine äquivalente Warenmenge hergestellt zu haben. Ausgetauscht werden Waren, nicht das Wachsen.

Das, was wächst, kann sich nicht durch Austausch finanzieren. Aber das Wachsende bedarf zu seiner Hervorbringung der Waren. Das wachsende Subjekt bedient sich des Geldes, um die Waren für seine Bedürfnisse einzutauschen. Die Frage ist hier, dass der Unternehmer über Geld verfügt, welches nicht durch eigene Arbeit abgedeckt ist, denn während des Wachstums produziert er keine Waren. Er verbraucht Waren, ohne selbst Waren herzustellen. Er nutzt seine Zeit nicht für die Warenherstellung, sondern für die Herstellung eines neuen Warenproduzenten. Um diesen Vorgang zu vollziehen, braucht er die anderen Warenproduzenten. Geld ist hier auch Tauschmittel, aber es muss vorher angehäuft sein, damit es Vorschuss sein kann. Dieser Vorschuss heisst Kredit. Ohne Kredit gibt es kein Wachstum. Kredit ist augehäuftes Geld neben dem Warenaustausch. Dieses Geld muss ein verlässlicher und stets verfügbarer Wertausdruck sein. Das Schwundgeld könnte nicht Kreditgeld sein. Nicht die Abwertung des Geldes hat den Reichtum des Mittelalters bewirkt, sondern die Einbehaltung des Geldschwundes als Geldsteuer, der sich niemand entziehen konnte. Denn dieser Schwund war in den Händen der Geldmonopolisten reales Geld und wurde nicht etwa entsorgt. Der entwertete und daher abgeschnittene Teil des Geldes wurde nicht weggworfen, sondern als gesundes Geld verwendet. Der verordnete Geldschwund war in erster Linie eine Form von Besteuerung und wirkte in zweiter Linie als Mittel zur Umlaufbeschleunigung des Geldes.       

Der Kredit ist eine Geldmenge, über die der Unternehmer verfügt, ohne eine entsprechende Waren-menge eingetauscht zu haben. Das Kreditgeld kommt also ausserhalb des Warenaustauschs zustan-de, ist nicht Ergebnis des Warenaustauschs. Unternehmer und Kreditgeber stehen sich nicht als Tauschpartner gegenüber. Der Kredit kann nicht gekauft werden, weil er keine Ware  ist und hat folglich auch keinen Preis. Der Unternehmer erhält vom Kreditgeber, der ausserhalb des Tausch-vorganges steht, diesen Vorschuss geliehen. Der Kredit bleibt Eigentum des Kreditgebers. Er muss dem Kreditgeber zurückgegeben werden.

Auf Grund der Funktionserhaltung des Geldes ist der Kredit eine unentgeltliche Leihe. Wie bei jeder Leihe bleibt das verliehene Gut Eigentum des Verleihers. Bei der entgeltlichen Leihe wird ein Entgelt, eine Gebühr, bezahlt. Die Gebühr, die für das verliehene Gut erhoben wird, richtet sich nach dem Reproduktionswert. Je teuerer das verliehene Gut ist und je mehr es durch den Gebrauch verschleisst, um so höher ist die Gebühr. Und hier liegt ein gravierender Unterschied zur Geldleihe vor. Geld verliert durch sein Verleihen nicht an Gebrauchswert, die Tauschfunktion nimmt nicht ab. Es entstehen durch das Verleihen keine Reproduktionsaufwendungen. Folglich kann das Geldver-leihen auch keinen Preis haben. Das Geld wird nicht abgenutzt, muss also nicht reprodzuziert werden. Die mechanische Abnutzung von Münzem oder Scheinen bleibt ausser Betracht, die auch beim elektronischen Geldverkehr ganz entfällt. Ob der Kredit gross oder klein ist, der Aufwand bleibt sich gleich. Der Zins drückt nicht Reproduktionskosten aus. Die Verbesserung der technischen Ausstattung des Geldverleihens führt nicht zu Zinssenkungen, zu „preiswerteren“ Krediten. Technischer Fortschritt hat im Bankenwesen nicht die üblichen Wirkungen, weil der Zins nicht der Preis des Kredits ist, sondern eine Abgabe an den Geldmonopolisten.

Woher kommt aber das Kreditgeld? Generell gibt es zwei Möglichkeiten:
a) es handelt sich um einbehaltenes Geld, das seinem vorigen Besitzer vorenthalten wird, wie Kriegskontributionen, Betrug, Steuern. Der Warenproduzent kann nicht die “Früchte seiner Arbeit“ in vollem Unmfang nutzen;
b) oder es handelt sich um neu geschöpftes Geld, Fiat-Geld, für das kein Warenäquivalent vorhan-den ist. Dieses Geld kann durch nachfolgende Arbeit aufgewertet werden. Die Gelddeckung durch  Gold ist ein geldtheoretischer Irrglaube. Der Geldwert ist einzig durch Arbeit gedeckt.

In beiden Fällen fungiert der Kredit als Vorschuss, den der Unternehmer erhält, um eine Neu-schöpfung zu vollbringen. Woher das Kreditgeld kommt, ist dem Unternehmer gleichgültig. Handelt es sich beim Kreditgeld um dem Markt entzogenes Geld, dann verursacht der Entzug eine deflationistische Störung des Marktes(Geldmangel). Handelt es sich um neugeschöpftes Geld, so liegt eine inflationistische Störung vor (Warenmangel). In beiden Fällen zieht der Unternehmer die Waren auf sich zu Lasten der übrigen Marktteilnehmer.  

Weil der Kredit Vorschuss ist, kann auch die künftige Gesellschaft nicht auf den Kredit verzichten. 

Alle Kreditbereitstellung führt in der Zivilisation zur Störung des Marktgleichgewichtes. Das ändert sich erst in der nachzivilisatorischen Gesellschaft. Der neue Vorschuss ist nicht Akkumulation durch Geldentzug. Er ist neu geschöpftes Geld in Erwartung steigender Warenproduktion. Das Kreditgeld existiert nur als potentieller Wert, der zu realem Wert durch die unternehmerische Handlung wird. In dem Masse wie der schöpferische Akt voranschreitet, hört der Kredit auf, Kredit zu sein, verkör-pert er sich in neuer Gegenständlichkeit. Er nähert sich der entscheidenden Phase seines Einganges in den Markt, seiner Marktbewährung. Werden mit dem materialisierten Kredit schliesslich neue Waren auf den Markt gebracht, findet eine Wertübertragung in die Waren statt. Der Wert des Kredits wird nun Bestandteil in dem neuen Warenwert.

Der Kredit ist die Geldhülle, die durch die folgende Warenproduktion ausgefüllt wird. Der Unter-nehmer wirft also zunächst Geld auf den Markt, das noch nicht durch Waren von ihm abgedeckt ist. Wir hatten gesagt, Wachstum verbaucht Waren, es ist produktive Konsumtion, und zugleich zieht es Produktionspotential ab. Weniger Produzenten müssen die bisherige Warenmenge herstellen, um auch die für das Wachstum abgestellten Kräfte zu versorgen, die ihre benötigten Waren mit Kredit-geld bezahlen. Ist das Kreditgeld also wirklich ungedecktes Geld? Nein, es ist durch die Arbeit der anderen Warenproduzenten gedeckt, nur eben nicht durch die das Wachstum bewirkenden Subjekte. Beim stabilen Marktgleichgewicht sind alle Waren durch die Arbeit der Warenproduzenten abge-deckt. Beim labilen Marktgleichgewicht sind die Waren auch durch die Arbeit der Warenproduzen-ten abgedeckt, doch müssen diese eine Mehrproduktion leisten, die gegen das Kreditgeld einge-tauscht wird. Das labile Gleichgewicht hält solange an, bis der Unternehmer das Kreditgeld materi-alisiert hat und mit der Produktion neuer Waren beginnt.

Die Finanzierung des Schöpfertums ist also nicht nur eine Frage der Kredithöhe, sondern auch an die Fähigkeit der Gesellschaft gebunden, Reserven an Warenproduktion freizumachen, denn eine Bedingung muss immer gewährleistets ein: keine Senkung des allgemeinen Konsums. Man kann das Schöpfertum der Gesellschaft nicht beliebig forcieren, in dem man viel neugdrucktes Geld als Kredit vergibt, sondern es muss auch eine entsprechende Produktionsreserve vorhanden sein, um das wachsende Subjekt mit Waren zu versorgen. Hier liegt also eine in der gesellschaftlichen Produktionskapazität begründete Wachstumsgrenze, deren Einhaltung das optimale Entwicklungs-tempo bestimmt. Das stabile Gleichgewicht liegt unter der absoluten Leistungsgrenze. Letztlich wird das Mass an Kreativität der Gesellschaft durch das Mass an Produktivität bestimmt. Oder allgemeiner ausgedrückt: die Entwicklung der Individualität aller Gesellschaftsmitglieder steht bei aller gesellschaftlicher Vermittlung in Abhängigkeit von der Produktivität der Gesellschaft. Und dieser Zusammenhang muss durch das Geld vermittelt werden.

Das zusätzliche Kreditgeld ruft somit keinen Warenmangel hervor, keinen Preisauftrieb. Es tritt keine Konsumtionseinschränkung auf. Damit wird die Kreditvergabe zu einem bewusst gesteuerten Vorgang, bei dem die Fähigkeit, den Kredit zu ertragen, der Zweck des Kredits und seine Folgen für die Gesellschaft, im voraus bekannt sind. Diese Zusammenhänge existieren zweifellos auch in der Zivilisaton. Aber sie sind nicht bekannt und es besteht kein Interesse daran, sie zu kennen, da die Vergabe des Kredits nach Zinsgewinn erfolgt. Der Zusammenhang zwischen Geld und Gesellschaft ist un der Zivivlisation eine „black box“.
Der Aufwand für die vorsorgliche Kreditvergabe ist kein Nachteil der künftigen Gesellschaft, wenn man bedenkt, wieviel Energien, menschliche und natürliche Ressourcen, in der sich spontan regelnden Gesellschaft als „Abfall“ vergeudet werden.  

Unternehmerische Tätigkeit stellt immer die Herstellung eines Marktgleichgewichtes auf höherem Niveau dar und ist insofern immer ein gesellschaftliches Risiko. Durch die Tätigkeit des Unter-nehmers vergrössert sich die Warenmenge und damit auch die Wertmenge. Es wird also mehr Geld als zuvor benötigt, um den Warenaustausch zu vollziehen. Ist allerdings die unternehmerische Tätigkeit nicht erfolgreich, entsteht für die Gesellschaft ein Problem. Sie muss das zusätzlich bereitgestellte Geld zurücknehmen und die Reserve an Warenproduktion zurückfahren, um den Markt wieder in das vorherige stabile Gleichgewicht zu bringen.     

In der Zivilisation steuert der Zins die Kreditvergabe, der keine leistungsbezogene Abgabe ist, sondern auf dem staatlich geschützten Monopol des Geldschöpfers beruht. Dessen Handlungs-spielraum ist durch den dargestellten Zusammenhang begrenzt. Er kann seinen Profit nicht beliebig hochfahren. Diese objektiven Grenzen spürt er daran, dass die Zinsen sich nicht beliebig erhöhen lassen. Gerät das Kreditwesen aus den Fugen, weil er sich übernommen hat und damit die Zins-zahlungen nicht mehr gewährleistet werden, dann lässt er den Staat eingreifen, um seine Verluste auf Kosten der steuerzahlenden Staatsbürger zu minimieren. Die Korrektur der Spontaneität geht zu Lasten der Mehrheit. Die spontane Steuerung durch den Zins muss durch eine andere Kreditsteu-erung ersetzt werden, weil die Verluste durch Spontaneität in astronomische Höhen steigen. Sie sind für Natur und Mensch nicht mehr verkraftbar.   

In der Zivilisation wird der Kredit nur dem angeboten, der den Zins zahlen kann. Und umgekehrt sucht sich der Kreditnehmer den zinsgünstigsten Anbieter heraus. Im Zins treffen beide Interessen  aufeinander. Dem Kreditgeber ist es gleich, wofür er Kredit gibt. Enstcheidend ist, dass er den gewünschten Zins erhält. Wie der Kredit verwendet wird, liegt im Ermessen des Kreditnehmers. Die Technikfolgenabschätzung steht nur auf dem Papier. Den Kreditgeber interessiert nur die Sicherheit. Daher richtet sich sein Interesse mehr und mehr auf den Staat, weil der ihm die grösste Sicherheit bieten kann.  

Diese Organisation von Gesellschaft stösst heute an unüberwindliche Grenzen. Das Spontaneitäts-verbot resultiert aus dem technischne Niveau  Die gesamte Geldwirtschaft muss aus der Privathand in die öffentliche Hand gelegt werden. Es kann keine ständigen staatlichen Bankenrettungspläne geben. Die private Organisationsform hat schliesslich die Zivilisation in die Phase der Selbstzer-störung getrieben. 

Der künftige Kreditgeber ist der Staat, der dem Bürger rechenschaftspflichtig ist. Die Kreditwür-digkeit des Unternehmers, er ist gesellschaftlicher Auftragnehmer, muss neu definiert werden. Er muss den Kredit weder zurückzahlen, noch wird er mit einem Zins belastet. Dadurch werden die Anforderungen an den Unternehmer nicht geringer, denn er muss sich vielmehr der Tragweite seiner Handlungen bewusst sein.
Was er heute schon ist, wird er künftig weit mehr sein: Gestalter von Gesellschaft.  

                                                                                              J. Hertrampf (16.11.2010)