Technik und Gesellschaft       
Johannes Hertrampf

Die Menschheit befindet sich in einem tiefen Umbruch.  
Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise ist dieses Bewusstsein allgemein geworden. Die ideologischen Verhüllungen, die im Zwanzigsten Jahrhundert den Blick behinderten, sind gefallen. Unvorbereitet stehen wir mitten in der grössten Gesellschaftskrise seit dem Übergang in die Zivilisation. Die technisch hochentwickelten Staaten werden mit voller Wucht getroffen. Danach wird der Tsunami jene Länder erreichen, die zur Aufholjagd angetreten sind. Somit wird die ganze Menschheit erfasst. 

Unruhe und Zukunftsangst erfassen die Völker. Hektik entsteht. Die Regierungen erweisen sich als  unfähig, den Wandel zu organisieren, woraus sich grosse Spannungen und riesige Verluste an wirtschaftlichen und geistigen Ressourcen ergeben. Die Veränderungen sind Folge des Ringens der bisherigen Führungsmächte mit den nachrückenden Mächten. Es entsteht eine neue Kräftekonstel-lation, aber noch keine neue Gesellschaftsform. Die Lösungsangebote des Zwanzigsten Jahrhun-derts waren praktisch nicht durchführbar. Marxismus, Anarchismus, Syndikalismus und  Freigeld-lehre haben sich als unbrauchbar erwiesen.

Der Grund für die Irrationalität der Ideen lag nicht in der Unreife der Gesellschaft, sondern darin, dass noch nicht der Schlüssel gefunden wurde für den Zugang zur richtigen Interpretation. Am weitesten entfernt sind nach wie vor diejegen, die den Schlüssel in allgemeinen Prinzipien suchen. Ein solches Herangehen öffnet der Willkür Tor und Tür. Am nähesten kam Marx der richtigen Erklärung, indem er den Schlüssel in materiellen Strukturen der Gesellschaft suchte. Die aus der Produktionsweise resultierenden gesellschaftlichen Konflikte sind eine die Zivilisation verändernde Realität, deren Ergebnisse aber in den Grenzen der Zivilisation bleiben, insofern sie mit den Mitteln der Zivilisation ausgetragen werden. Diese theoretische Logik wurde durch den Kollaps des prak-tischen Sozalismus bestätigt. Der Sozialismus war eine Form von Herrschaftsgesellschaft und verstrickte sich immer tiefer in die Widersprüche dieser Form. Er wollte die positive Vollendung der Zivilisation sein und übersah, dass sich die Ideale der Zivilisation gar nicht verwirklichen liessen. Deshalb kam er nicht von der Gewalt los. Die Anarchisten, die das vorausgesehen hatten und ebenfalls eine nichtkapitalistische Lösung erstrebten, konnten aber keinen Weg weisen, wie man herrschaftsfrei zu dem erstrebten Ziel gelangen könnte. Sie lehnten alle Herrschaftsmittel rigoros ab und gerieten darüber mit dem Kommunismus in einen unversöhnlchen Streit, da dieser die Diktatur des Proletariats für unerlässlich hielt. Bezüglich des Sozialismus als Ziel  bestand zwichen beiden Gesellschaftsvorstellungen weitgehende Übereinstimmung. Aber dieses Ziel  war eben eine Illusion der Zivilisation.

Zwischen Marxismus und Anarchismus bestand also bezüglich des Weges Nichtübereinstimmung, bezüglich des Zieles Übereinstimmung. Dem setzen wir entgegen: beides, Weg und Ziel sind nicht realistisch. Die Änderung der Gesellschaft, die sich zum Ziel eine gewaltfreie Gesellschaft setzt, ist nicht durch Anwendung von Gewalt zu erreichen. Aber auch der Kommunismus als Ziel ist falsch, weil er die Änderung der Verteilung vor die Änderung des Zweckes der Produktionsweise setzt. Die Verfolgung eines anderen Zwecks der Produktion, als er in der Zivilisation typisch war, ist der entscheidende Unterschied zur zivilisatorischen Produktion. Es ist nicht die Verteilung der Produk-tionsmittel das Kriterium der neuen Gesellschaft, sondern die neue Technik, der ein neuer Zweck der Produktion entspricht - die Reproduktion der gesamten belebten Natur.

Geschichtsphilosophisch lag der Mangel aller bisher angedachten Auswege darin, dass sie die Lösung innerhalb der Zivilisation suchten. Der theoretische Mangel lag indes darin, dass sie die Änderung der Verteilung als zentrales Problem ansahen und nicht die Änderung des Zwecks der Produktion, des allgemeinen Gegenstandes der Produktion. Der Kommunismus als Überflussge-sellschaft ist eine Fiktion. Das Vorhaben, aus der Utopie ein Wissenschaft zu machen, musste mit einem Misserfolg enden.

Obwohl die Probleme heute drängen, gibt es seitens der Regierenden keine Anstrengungen zur Erarbeitung wissenschaftlicher Grundlagen für den gesellschaftlichen Fortschritt. Weg und Ziel der Entwicklung der Gesellschaft sind bis heute nicht hinreichend geklärt. Die Hauptschuld dafür trifft die herrschenden Kreise, die seit jeher alle Register ziehen, damit die gesellschaftliche Wahrheit nicht gefunden wird. Es ist das bleibende Verdienst von K. Marx, dass er einen Weg eingeschlagen hatte, der, ungeachtet aller Irrtümer, prinzipiell der wissenschaftlichen Herangehensweise ent-spricht. Auch die Geschichte der Naturwissenschaften kennt Beispiele, dass materielle Kausalitäten gedacht wurden, die es real nicht gibt. Ein noch breiteres Feld für Spekulationen finden wir in der Philosophie, der Anfangsphase aller Wissenschaft. Niemand wird aber deswegen die materia-listische Herangehensweise der Wissenschaft in Zweifel ziehen. Niemand wird deswegen die Erklärbarkeit eines nicht erklärten Phänomens bestreiten. Es muss der Abstraktionsvorgang verfolgt werden, um die Stelle zu finden, wo der Irtum begann.

Die Theorie muss stimmen, aber selbst dann ist noch nicht der Erfolg gesichert. Eine wahre Theorie bedarf zu ihrer Anwendung einer richtigen Technologie. Die Menschen können nicht spontan die Wissenschaft in die Praxis umsetzen. Sie  müssen die Wirkbedingungen der Gesetze konstruieren und zwar so, dass sie ihre Zwecke erreichen. Das gilt auch für die Gesellschaft. Zwischen der wahren Theorie und der praktischen „Gewalt der Massen“ liegt die richtige Technologie, das methodische Wissen zur Anwendung. Ein einfaches Ergreifen der Wissenschaft gibt es auch hier nicht. Diese Zusammenhänge sind im naturwissenschaftlich-technologischen Bereich des menschlichen Handelns selbstverständlich. Im gesellschaftlichen Bereich beruhten die Technolo-gien bisher auf einer anderen Grundlage. Die Zivilisation ist eine Gesellschaft, die nach den Interessen der Herrschenden organisiert wird, weshalb eine wissenschaftliche Erklärung und eine auf dieser beruhenden Steuerung der Gesellschaft nicht erforderlich ist. Die Herrschaftsgesellschaft brauchte keine wissenschaftliche Erklärung, um zu funktionieren. Das Herrschaftsprinzp ist eine einfach zu handhabende Organisationsform. Mit dem Übergang auf eine höhere Gesellschaftsstufe ändert sich das. Es reicht nun nicht mehr aus, das Verhältnis zur Natur auf wissenschaftlicher Grundlage zu organisieren. Die Organisation der Gesellschaft bedarf selbst der wissenschaftlichen Begründung. Wissenschaftlich begründete Sozialtechniken sind Bedingung einer Lebensform, die allen Individuen eine freie Entfaltung gewährleistet.

Der fundamentale materielle Vorgang in der menschlichen Entwicklung ist die Anwendung von Technik im Verhältnis zur Natur. Diese Technik dominiert gegenüber der Sozialtechnik. Doch die Sozialtechnik muss auf Grund ihres eigenen Gegenstandes, die Individualiserung des Menchen,  zu einer besondenen technischen Disziplin werden und eine eigene Produtivität entwickeln.

Im Unterschied zu früheren Auffassungen müssen wir heute anerkennen, dass die Menschen die Technik nicht erfunden haben. Technik ist eine besondere Form von Vermittlung des Mesnschen zu seiner Umwelt. Vermittlung ist aber der allgemeine Zusammenhang in der Natur, dem die Technik zugeordnet werden muss. Vorläufer der menschlichen Technkk findet man in der Lebenstätigkeit der hochentwickelten Tiere. Der Unterschied besteht darin, dass der Mensch nicht bei einer bestimmten technischen Anwendung stehenbleibt. Im Unterschied zu den anderen belebten Wesen gibt es beim Menschen eine technische Entwicklung, die dadurch zustande kommt, dass der Mensch technische Erfindungen macht, um  neue Interessen durch Anwendung neuer Techniken befriedigen zu können bzw. um den Zeitaufwand für die Befriedigung seiner Interessen zu minimieren. Dabei ist Technik die Fähigkeit des Menschen, einen Wirkungsvorgang auf der Grundlage von gesetzmässigen Zusammenhängen in beliebig oft reproduzierbarer Weise  herzustellen. Die Verwendung eines materiellen Konstrukts ist immer ein Hinweis darauf, dass eine Tätigkeit technischen Charakter trägt. Vollzieht der Mensch sein Handeln als technischen Ablauf, dann ist sein Handeln zielsicher und rationell. Diese Bestimmtheit kommt durch die in der Technik angewandten Gesetzmässigkeiten zustande. Das Konstrukt ist die Wirkbedingung der Gesetzmäs-sigkeiten. Die Nutzung von Gestzmässigkeiten erfordert den Einbau eines bestimmten materiellen technischen Mittels, eben des Konstrukts, das durch seine Beschaffenheit dem jeweils verfolgten Zweck entsprechen muss. Zwischen der Fähigkeit zur Konstruktion, zur Gestaltung  und der Fähig-keit zur Technik besteht also ein enger Zusammenhang. Das gestalterische Vermögen des Men-schen ist eine eigenständige Produktivkraft, die seine technischen Fähigkeiten freisetzt. Produktiv ist der Mensch nicht nur aufgrund seines theoretischen Wissens, sondern auch aufgrund seiner gestalterischen Fähigkeiten. 

Ein solcher Technikbegriff ist gültig für alle Lebensbereiche des Menschen, für das Verhältnis zur Natur als auch für das Verhältnis untereinander.  

Im Verlaufe der technischen Entwicklung zeichnen sich tiefe Einschnitte ab, durch die sich die technischen Typen unterscheiden. Die Umschläge sind technische Revolutionen.

Mit dem Begriff des technischen Typs werden grundlegende strukturelle Gemeinsamkeiten der subjektiven Funktin bei der Anwendung von Technik zusammengefasst. Auf solche Gemeinsam-keiten weisen die Begriffe Werkzeug, Maschine und Automat hin. Technische Entwicklung bedeu-tet, dass der Mensch die technischen Typen erfindet und die Anwendungsbereiche des bisherigen und des neuen technischen Typs vergrössert. 

Erster technischer Typ – Werkzeugtechnik. Bei ihm bilden die energetische, die steuernde und die gestaltemnde Funktion beim Gebrauch des Werkzeugs noch eine unmittelbare Einheit. Das technische Subjekt übt diese Funktionen mit Hilfe des Werkzeugs aus, unabhängig vom jeweiligen Zweck der Tätigkeit.

Zweiter technischer Typ – Maschinentechnik. Bei ihm gibt das technische Subjekt die energetische Funktion auf einen von ihm unabhängigen Energielieferanten ab. Es konzentriert sich auf die steuernde Funktion, bei Wahrung der gestaltenden Funktion.

Dritter technischer Typ – Automatentechnik. Das technische Subjekt gibt die energetische und die steuernde Funktion ab. Die gestaltende Funktion tritt in den Vordergrund. Die geistig-schöpferische  Tätigkeit entscheidet über die Produtivität des technischen Subjekts. Damit steht der Mensch faktisch neben dem ablaufenden Prozess.

Durch den technischen Fortschritt erweitern sich die Grenzen menschlicher Tätigkeit. Die Sicher-heit, mit der der Mensch sein Ziel erreicht, nimmt zu. Er gewinnt eine immer größere Überlegenheit über die Naturerscheinungen, so dasss er sich für das Mass der Dinge hält. Zwischen Anfang und Ende seiner Tätigkeit liegen Syteme natürlicher Gesetze mit absoluter Funktionssicherheit, denn die Gesetze wirken konstant.

Mit jeder technischen Revolution betritt der Mensch eine neue Wirklichkeit. Sie bringt ihm nicht nur einen quantitativen Gewinn durch Einsparung von Zeit, sondern eine grössere Vielfalt für seine Sinnesorgane. Diese beiden Wirkungen sind der Grund dafür, dass wir sagen können: der techni-sche Fortschritt bestimmt letzten Endes den Kulturfortschritt. Von ihm gehen Wirkungen aus, nicht bloss für die Wirtschaft, sondern auch für die geistigen Fähigkeiten, für die Moral und die sozialen Beziehungen. Der technische Fortschritt ist aber auch der Grund für viele Konflikte zwischen den Menschen, für Wirkungen, die nicht abzusehen waren oder die einfach ausserhalb des Interesses lagen. Was interessiert den Ackerbauern die Artenvielfalt und den Kapitalisten die Existenzbe-dingungen der späteren Generationen?  

Obwohl der technische Fortschritt viele Probleme und Konflikte zwischen den Menschen hervorruft - und in neuerer Zeit werden ihnen auch die Probleme bewusst, die sie durch ihre Technik in der Natur verursachen -  wird das Interesse am technischen Fortschritt grösser. Technikfeindliche Auffassungen fanden nie eine nennenswerten Anklang bei den Menschen. Es ist ein Grundmerkmal des Menschen, dasss er der Technik aufgeschlossen gegenüber steht. Objektiv ist die Technik die Hauptbedingung seiner Freiheit. Sie ist nicht die alleinige, aber sie ist wichtigste Bedingung. Dieser wesentliche Zusammenhang zwischen Technik und Freiheit ist es letztlich, warum das Bedürfnis nach technischem Fortschritt nie aufhört. Eine Theorie, die eine Erklärung menschlichen Verhaltens zum Inhalt hat, kann an der Technik nicht vorbeigehen, mehr noch, sie darf sich unmöglich gegen den technischen Fortschritt stellen. Daher steht nach unserem Dafürhalten der technische Fortschritt im Mittelpunkt der Erklärung des Menschen. Durch Steuerung des technischen Fortschritts steuert der Mensch seine Entwicklung, wird es ihm möglich, die Grenzen der Zivilisation zu überschreiten und sich einem  neuen Gegenstand seiner Tätigkeit zuzuwenden.

Im folgenden Bild wird der Zusammnenhang zwischen technischen Typen und sich ändernder funktionaler Struktur des Subjekts dargestellt.

           Technischer Typ                                   Zuordnung der subjektiven Funktionen
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I                                                    (Fe                   Fs                 Fg)                                                                                                  

II                                                    Fe                 (Fs                      Fg)

III                                                  Fe                   Fs                     (Fg)   

 

Fe - energetische Funktion
Fs - steuernde Funktion
Fg - gestaltende Funktion
_  - subjektive Begrenzumng der Technik

Die dominante subjektive Funktion ändert sich von Typ zu Typ. Sie verlagert sich zunächst in den geistigen Bereich. Die Überwindung der energetischen Grenze gab den geistigen Fähigkeiten einen starken Impuls, mit Schwerpunkt der rationalen Erkenntnis. Das war der Hauptinhalt der neolithi-schen Revolution. Mit der massenhaften Anwendung des ochsenbespannten Ackerpfluges voll-brachte der Mensch die folgenreichste Pionierleistung. Er liess die stationären Kulturen hinter sich und trat in die Ära der dynamischen Kulturen ein, in die Zivilisation. Innerhalb der Zivilisation führte der weitere Weg von der Nutzung der tierischen Kraft zur Nutzung des Windes, des Wassers, des Dampfes und der Elektrizität. Die Atomenergie ist ein Abweg, denn in Wirklichkeit steht er vor der Aufgabe, die Sonnenenergie unmittelbar zu nutzen. Der Mensch muss lernen, mit der Sonne auszukommen wie jedes andere Lebewesen auch. Beim Übergang vom zweiten zum dritten technischen Typ verschiebt sich die Dominanz von der rationalen zur ästhetisch-gestalterischen Funktion. Die Überschreitung der steuernden Grenze gibt der Individualisierung einen starken Impuls mit Schwerpunkt auf die bisher untergeordnete gestaltende Funktion. Das ist der Inhalt der gegenwärtigen technischen Revolution. Der Automat funktioniert unabhängig von der begrenzten rationalen Fähigkeit des Menschen,  Informationen aufzunehmen und zu Steuerimpulsen umzu-wandeln.

Die Zivilisation ist die Gesellschaftsform, die auf dem maschinellen technischen Typ beruht. Sie ist eine kulturgeschichtliche Epoche, kein Endzustand. Mit dem dritten technischen technischen Typ   sind ihre Tage gezählt. Die Ausmasse der Umwälzungen, die heute zu erwarten sind, können nur mit den Veränderungen verglichen werden, die von der neolithischen Revolution hervorgerufen wurden. Nachhaltige Impulse gehen gegenwärtig von den Kommunikationstechniken aus, wie Computertechnik und Mobiltelefon und von den Verkehrstechniken. Das Individuum wird beweg-licher und kann sich fast alle Informationen verschaffen, über die die Menschheit verfügt. Damit entseht ein starker subjektiver Druck in der Gesellschaft. Hinzu kommen die Umweltprobleme, die den Menschen beunruhigen.

Der wichtigste Widerspruch der Gegenwart besteht zwischen dem enormen subjektiven Potential und der Unfähigkeit der Gesellschaft, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich dieses  Potential entfalten kann. Der sich herausbildende dritte technische Typ setzt bisher unbekannte Kräfte frei, die zur Zeit auf Grund der alten gesellschaftlichen Konstellationen noch eine überwiegend zerstörische Wirkung haben. 

Die von der Herrschaftsgesellschaft ausgelösten Steuerimpulse geben diesen Kräften nicht mehr den entsprechenden Rahmen. So ist der globale Finanzkapitalismus nicht nur eine Form der Wertabschöpfung, sondern er ist ein Steuerungssystem, das die nationalen Realwirtschaften von   ihrem eigentlichen Zweck ablenkt und zugrunde richtet.

Über globale finanzpolitische Entscheidungen werden Wirkungen ausgelöst, die zu gewaltigen Umverteilungen führen. Dazu muss man die jüngste Finanzkrise rechnen, die sich nicht hinter dem Rücken der grossen Banken entwickelt hat, sondern organisiert wurde und zu einer masslosen Verarmung der technisch entwickeltsten Lände führt. Die Eliminierung des Finanzkapitalismus ist gegenwärtig die Hauptaufgabe der wirtschaftlichen Gesundung.

Die technische Revolution der Gegenwart löst einen grossen Freisetzungseffekt aus. In geschicht-licher Sicht ist der Freisetzungseffekt eine Bedingung des Kulturfortschritts. Freisetzung in den heutigen Dimensionen ist also eine gewaltige Chance, die aber nicht genutzt wird und in ein gewaltiges Übel, die Massenarbeitslosigkeit, umschlägt. Die freigesetzte Arbeitskraft wird als gesellschaftliche Belastung empfunden, die von Jahr zu Jahr grösser wird. 

Im engen Zusammenhang mit diesem Freisetzungseffekt steht die fortschreitende Verwahrlosung der Gesellschaft. Diese ist nicht nur eine Folge der Freisetzung, sondenr auch eine Folge der grös-seren Bewegungsfreiheit der Menschen infolge der neuen Technik. Diese Technik sprengt bisherige Abhängigkeiten und Zwänge. Doch wenn diese neuen Potentiale nicht mit neuen Inhalten gefüllt werden, kommt es zu explosionsartigen Ausbrüchen. Die Gesellschaft ist in steigendem Umfang damit beschäftigt, die Trümmer dieser Ausbrüche zu beräumen. Alle Präventionen versagen.

Auf der Suche nach einem Ausweg darf man nicht in alte Fehler verfallen. Die Kritik an den kapitalistischen Zuständen darf nicht in die Forderung münden: Der Kapitalismus muss weg! Es würde sich sofort die Frage ergeben: Was dann? Hier liegt die hauptsächliche Schwierigkeit, mit der die Opposition zu kämpfen hat. Sie hat keine strategische Alternative. Wie sollen aber die Menschen für Veränderungen eintreten, wenn vor ihnen ein grosses schwarzes Loch ist? Man kann also die gegenwärtige Aufgabe nicht mit der Sitation von 1989 vergleichen, damals fielen die Menschen zurück in die kapitalistische Gesellschaft. Alle andere Ideen waren nebulös und nicht als Orientierung geeignet.   

Eine tabula-rasa-Vorstellung ist auszuschliessen. Der Weg führt nur über Reformen nach vorn. Und dabei muss man sich konzentrieren auf die Reform des politischen Systems und auf die Finanz-reform. Diese beiden Gebiete greifen unmittelbar und tief in des gesamte Leben der Gesellschaft ein.

Im Mittelpunkt der politischen Reform steht eine neue Stufe der Volkssouveränität. Auch die bürgerliche Demokratie anerkennt das Volk als Souverän des Landes, aber de facto bleibt die bürgerliche Demokratie eine Form der Herrschaftsgesellschaft. Das wird ganz deutlich anhand der parlamentarischen Demokratie mit dem Gewissen des Abgeordneten als der höchsten Entschei-dungsinstanz. Der Aufbau eines volkssouveränen Systems bedeutet, dass der Souverän sein Recht nicht abgibt, sondern jederzeit in den politischen Entscheidungsprozess eingreifen kann. Die Änderung des Wahlsystems und die Einführung von obligatorischen Volksentscheiden auf allen Ebenen sind markante Punkte einer solchen Volkssouveränität. Je gründlicher diese Reform erfolgt, desto erfolgreicher kann die ganze Gesellschaft reformiert werden.

Gleichzeitig mit der politischen Reform muss die Reform des Finanzwesens erfolgen, in deren Mittelpunkt die Wiederherstellung der nationalen Finanzhoheit steht. Auf der BRD lastet gegen-wärtig ein milliardenschwerer staatlicher Schuldenberg, der zuallererst so paralysiert werden muss, dass für Bürger und Realwirtschaft keine Belastungen entstehen. Das lässt sich nur unittelbar durch ein Schuldenmoratorium erreichen. Jeder andere Weg würde unvereinbar mit der Idee der Demo-kratie als Leitidee der Zukunft sein. Mit der Beseitigung des Schuldenberges wird eine stabile Finanzierung der gesellschaftlichen Erneuerung möglich. Das erfordert aber gleichzeitig ein Abkoppeln vom internationalen Fianzsystem, um Fremdeinwirkungen auf die Gesellschaft auszu-schliessen. Die heute immer wieder vertretene Auffaassung, wonach dieses internationale Finansystem eine Bedingungen nationaler Finanzierung sei, eine Erschliessung von äusseren Geldquellen für nationale Zwecke, ist unhaltbar. Die Reproduktion der Gesellschaft muss auf eigener Grundlage erfolgen. Damit gehören solche Finanzkatastrophen, wie wir sie erlebt habeu, ein für allemal der Vergangenheit an.

„Deutschland erhalten – Deutschland erneuern“, diese Orientierung richtet den Blick in die Zukunft. Wollen wir diesen Weg gehen, müssen wir den Mut haben zu einer grundlegenden Reorganisation, die so beschaffen sein muss, dass die Menschen alle technischen Möglichkeiten erhalten, um sich als individuelle Subjekte zu entfalten. Diese technische Grundlegung der Freiheit beruht auf der Rolle der Technik für die menschliche Entwicklung. Aber die Befreiung des Menschen durch Überschreiten der Zivilisation weist ein zweites grundsätzliches Merkmal auf: die Hinwendung des Menschen zur Reproduktion der belebten Natur. Freiheit ist unteilbar, lautet ein gängiges Wort. Aber sie ist nicht nur unteilbar zwischen den Menschen, sondern auch zwischen dem Menschen und allen lebenden Wesen. Der Mensch nutzt diese nicht länger wie tote willenlose Gegenstände, sondern er dient ihnen. Er erhält von ihnen als Lohn seine Lebensmittel. Alles Leben auf der Erde steht dann auf gleicher Höhe. Der Mensch hat den anderen Lebewesen gegenüber seine besondere Funktion zu erfüllen. Freiheit und Technik sind allen Lebewesen eigen, aber in jeweils besonderer Weise. Die besondere Weise des Menschen ist seine gemeinschaftliche Verantwortung für alle. 

Kommunistische Ideen waren zeitgemässe Reflexe. Der Bruch mit der Zivilisation führt nicht zum Komunismus, sondern zu einer natürlichen Gesellschaft, bei der die Formen bestimmt sind durch die konkrete Fähigkeit zur Reproduktion alles Lebens. Es gibt eine gerichtete Entwicklung, es gibt ein Wachstum, in welchem sich die Erfüllung der neuen Aufgabe ausdrückt. Dieser Wandel des menschlichen Daseins ist nicht ein einmaliger Vollzug, sondern die permanente Veränderung mit Hilfe seiner geistigen Vorarbeit. Das Zukunftsbewusstsein öffnet sein ganzes Bewusstsein, seinen Willen und sein Können. Es ist die Form, in der ihm sein Lebenssinn bewusst wird.