Entschuldung - eine globale Aufgabe

Die Politiker haben seit Ausbruch der Finanzkrise die Staaten in einer bislang unbekannten Weise verschuldet. War früher das Geld die Magd der Politik, so ist heute die Politik die Magd des Geldes  - „alle Staatsgewalt geht von den Banken aus“, müsste es im Grundgesetz heissen. Die Banken als private Einrichtungen triumphieren über die Staaten als gesellschaftliche Einrichtungen. Wie in einem Vollrausch werden mit Hilfe moderner Informationstechnik Riesensummen aus dem Nichts geschöpft und anschliessend um den ganzen Erdball geschleust. Würden sie nicht per Staatsgewalt zu realem Geld erklärt, das den Völkern gewaltige Zinslasten abverlangt, wäre das ein harmloses Spiel - Monopoly. Aber infolge der staatlichen Zwangsmittel sind die Schulden feste Ketten, mit denen die Völker in niederdrückende Hörigkeit versetzt werden. Diese Schulden sind nichts weiter als Schurkenstreiche zwischen den Herrschenden, die mit Hilfe materieller Gewalt und geistiger Manipulation die Menschen in ein unerbittliches Zwangssystem sperren. Je mehr Schulden, desto enger ist der Käfig und desto eindringlicher die Aufforderung der Herrschenden, das Schicksal mit Demut zu ertragen.

Mehr noch als die materiellen Zwänge sind es die geistigen Zwänge, die das System am Leben erhalten. Die geistigen Werte bestimmen Verhaltensweisen, die von den Menschen selbst gewollt werden, weil sie ihnen elementare Lebensgrundlagen sichern. Die Einhaltung dieser Werte stösst bei ihnen nicht auf Ablehnung, sondern auf  Zustimmung zu sozialer Funktionsweise. Um Rechte wahrzunehmen, müssen eben Pflichten erfüllt werden, lautet die Regel. Sie ist plausibel und schlüssig. Der Tribut wird so in den Rahmen der natürlichen Ordnung von Grund und Folge  eingepasst. Er wird zur Selbstverständlichkeit erklärt, die nicht angezweifelt werden darf. Er wird zu einer unverrückbaren Gegebenheit, die zwar noch kein Glückszustand ist, aber das Zusammen-leben ermöglicht. So kann Gesellschaft existieren und so hat sie „immer“ existert. Es liegt also eine Logik über dem Ganzen, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint. Das System wird zur ewigen Einrichtung erklärt. Die Selbsttäuschung wird zum Normalzustand, bis die elementaren Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden können. Erst dann zweifeln die betroffenen Menschen die Existenz-berechtigung an. An einem solchen Endpunkt stehen wir heute. Er unterscheidet sich von früheren ähnlichen Situationen dadurch, dass diese noch kein wirklicher Endpunkt waren, sondern nur infolge der unerträglichen Not solche zu sein schienen. Heute fällt die Not mit objektiven Bedingungen zusammen, mit einem höheren technischen Typ, so dass sich ein wirklicher Endpunkt ergibt. Diesen neuartigen Zusammenhang muss die Kritik deutlich machen, damit die Menschen fähig werden, ein neuartiges Gemeinwesen zu schaffen. Erst wenn die praktischen Konsequenzen der geistigen Werte überwunden sind, werden diese wirklich überwunden sein. Die theoretische Entthronung ist nur eine Vorbedingung.  

Die Kritik der geistigen Werte dringt in den Alltagsbereich vor, muss ihr Wirken im Alltag verfol-gen. Es reicht nicht aus, die Werte in abstrakter Form zu überwinden, sondern ihren praktischen Umsetzungen nachzugehen. Die Schuld ist ein solcher allgemeiner Wert der Zivilisation, ein vielfältiges praktisches Organisationsmittel, das heute auf den Prüfstand muss. Die Zerstörung der geistigen Grundlagen der Herrschaftsgesellschaft ist mehr als die Anprangerung menschenun-würdiger Zustände, sondern reicht in die persönliche Lebenswelt des Einzelnen. Sie bewegt sich in Sphären, die als allgemein-menschliche Existenzbedingung empfunden werden, als empirische  Voraussetzungen des täglichen Lebens, deren Infragestellung gleichsam die Identität des Einzelnen in Frage stellen. Das ist der Grund, weshalb die Menschen dieser Kritik mit Skepsis begegnen und ihr zugleich aufmerksam zuhören.

Die geistigen Grundlagen der Zivilisation bestimmen nach wie vor den heutigen Alltag der Menschen und werden von diesen als Selbstverständlichkeiten hingenommen. Damit dringt die Kritik in Bereiche vor, die in der Regel gar nicht zur Kritik stehen, weil sie ja zum funktionierenden Alltag gehören. Aber genau hier ist die Herrschaftsgesellschaft verankert. Ein Vakuum ist hier nicht möglich, da die Menschen ja im Alltag leben und mit ihm die ganze Gesellschaft reproduzieren. Wo ein Wert zerstört wird, muss ein neuer nachrücken, der dem Menschen einen neuen Halt gibt, der sich praktisch bewährt, mit dem aber der Mensch ganz real ein Stück von der alten Gesellschaft abrückt. Die alten Abhängigkeiten müssen sukzessive abgelöst und durch neue ersetzt werden. Der Traum von der völligen Unabhängigkeit als distanzierender Reflex auf alte Abhängigkeiten ist eine irreale Freiheit. Vielmehr bedeutet neue Freiheit, neue Abhängigkeiten einzugehen.

Wer heute das Schuldenmoratorium fordert, trifft das System an seinem Lebensnerv, denn die Zinsen sind der begehrte Honig,  nicht die Schulden. Die Schulden sind die Blüten, die den Nektar enthalten. Die Zinsen sind nichts weiter als die Geldform von Arbeit, die sich der Herr schon immer vom Knecht verrichten liess. Die Formen ändern sich in der Zivilisation, das Wesen bleibt gleich. Die Abgabe von Arbeitsleistung ist eine systemimmanente Bedingung der Zivilisation. Die Schulden sind ein Mittel, um diese Abgabe als Zins, der in der Hülle des Preises auftritt, zu erhalten. Das Schuldverhältnis ist genauso eine Regelung zwischen den Menschen wie das Sklavendasein, die Frondienstbarkeit oder das Arbeitnehmerverhältnis. Aber im Unterschied zu diesen verkleidet es sich als Ware, der Kredit als Ware  die im Zins ihren Preis hat. Alle diese Rechtsverhältnisse wurden durch staatliche Gewalt sanktioniert. Immer hat der Staat über die  Einhaltung dieser Regelungen gewacht. Immer hat er geistige Begründungen produzieren lassen und genutzt, um seine Machtausübung zu rechtfertigen. Ob Philosophie, Religion, Moral oder Kunst, bei der Wissenschaft sowieso, sie alle dienten der Aufrechterhaltung der Zivilisation. Keine von ihnen war eine Aufforderung, real über sie hinauszugehen. So sind die allgemeinen Menschenrechte gleichsam der Focus, in dem sich die Zivilisaton selbst bestätigt. Sie sind die Monstranz, die vor dem Zug der Gläubigen getragen wird. Nur weil es diese geistigen Produkte gab, wurde Gehorsamkeit zum inneren Bedürfnis. Keine Herrschaft kommt auf die Dauer ohne die „Einsicht in die Notwendigkeit“ aus. Die Anwendung von  Gewalt als letztes Mittel war also „rechtens“, im höheren Sinne nötig, denn sie sicherte die Ordnung im Staat und die Sicherheit für den Bürger. Der Staat gewährleistete die Reproduktion der Gesellschaft in ihrer Herr-Knecht-Beziehung, nicht als freie Bürgergesellschaft, die es noch zu keiner Zeit gab.

Mit dem Staatsschuldsystem wird ein ganzes Volk in ein Untertanenverhältnis gezwängt. Die „öffentlichen“ Geldschulden sind als Institution für die Herrschenden genauso nützlich wie Armee, Polizei, Justiz usw. Deshalb die ständige Aufforderung, Schulden zu machen, bei der Produktion und bei der Konsumtion. Ohne Schulden funktioniert die zivilisierte Gesellschaft nicht mehr und immer fällt dabei der lebenswichtige Zins an. Der Zins als Abgabe mag für den Einzelnen lästig sein, aber er erscheint als alltägliche Funktionsbedingung, als eine Bedingung für viele  Annehm-lichkeiten des Lebens, wie eben ein anderer Warenpreis auch. So wird Herrschaft über die Ware-Geld-Beziehungen vermittelt, zu einem Bestandteil der Marktwirtschaft. 

Doch wurden in der Geschichte den Ausbeutungsformen jeweils Grenzen gezogen - die Sklavenauf- stände, die Bauernaufstände und die proletarischen Aufstände. Diese Aufstände bewirkten keine Abschaffung der Zwangsabgabe, sondern eine Modifizierung. Es waren jeweils Menschengruppen, die sich zur Wehr setzten. Sie bäumten sich gegen ihre spezifische Unterdrückung auf, ohne in der Lage zu sein, eine ausbeutungsfreie Gemeinschaft zu schaffen. Selbst dann nicht, wenn sie sich diese zum Ziel setzten. Die Ausbeutung hatte noch nicht die allgemeine Form angenommen, die für alle zutraf. Vor allem, die Abschaffung der Ausbeutung war objektiv nicht möglich, da der neue Gegenstand menschlicher Täigkeit noch gar nicht möglich war. Daher führte der Protest gegen die Ausbeutung nur zu einem Formenwandel.

Die Abschaffung der Herrschaftsgesellschaft vollzieht sich in erster Linie als Einführung eines anderen Gegenstandes menschlicher Tätigkeit. Und diese wird erst heute möglich, heute, auf Grund der Technik. Es war also vergeblich, einen Kampf gegen die Ausbeutung zu führen. Vergeblich             bedeutet aber nicht überflüssig, denn die Durchgangssstadien waren notwendige Phasen, um die letzte Stufe zu erreichen. Aber der Erfolg hängt eben letztlich nicht vom Wollen ab, sondern davon, ob die objektiven Bedingungen ihn zulassen und erfordern, was sich als Hinwendung zum neuen Gegenstand vollziehen muss. 

Die Forcierung des neuen technischen Typs ist der Dreh-  und Angelpunkt der gesellschaftlichen Erneuerung. Das heisst, das Problem ist letztendlich nicht durch „Kampf“ zu lösen, ist nicht eine Angelegenheit der politischen Aktion, sondern durch den Austausch des Gegenstandes und damit als die Änderung von Tätigkeit. Besonders die Geschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts hat gezeigt, dass politische Kämpfe, die zum Ziel hatten, die Ausbeutung abzuschaffen, alle gescheitert sind und die Menschen unter grossen Verlusten von der tatsächlichen Aufgabe ablenkten. Am Ende merkten die Menschen, dass sie nur im Kreis gegangen waren.

Die heutige weltweite Verschuldung ist eine Voraussetzung für die grösste Umwälzung in der Menschheitsgeschichte, denn sie erzeugt den weltweiten Willen zur Veränderung der Zustände und dieser Wille entspricht den objektiven Bedingungen. Das ist das Novum. Durch die Schulden werden alle Teile eines Volkes an ein und dieselbe Kette gelegt. Daher ist der Kampf gegen die Schulden eine Volksangelegenheit. Aber nicht nur das. Der Finanzkapitalismus ist eine internatio-nale Bedrohung, die sich mehr oder weniger über alle Völker ausbreitet. Alle Völker leiden unter der Zinslast. Die Solidarität der Völker ist damit vorbestimmt. Der Finanzkapitalismus schweisst die Menschen der ganzen Welt zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen, die koordiniert handeln muss, unter Berücksichtigung der jeweiligen nationalen Bedingungen.  

Die weltumspannende Solidarität resultiert aus der gemeinsamen Notsituation, aber sie bedarf der weltweiten Organisation. Die Kommunikationstechnik eröffnet neue Möglichkeiten für ein koordi-niertes Vorgehen. Diese werden gegenwärtig noch nicht genutzt, weil die oppositionellen Führungen entweder korrumpiert sind oder die Notwendigkeit eines koordinierten Vorgehens noch nicht begriffen haben. Der Finanzkapitalismus erzeugt, unbeabsichtigt, in völlig neuartiger Weise die Voraussetzungen seiner Überwindung. Er erkennt aber die Gefahr, die er selbst hervorbringt. So versuchen Politik und Medien in seinem Auftrag die Völker gegeneinander aufzuhetzen, indem sie ihnen die Fehler anlasten, die von den jeweiligen Regierungen begangen wurden. Das äussert sich zum Beispiel darin, dass die Ideologen die Freiheit über die Solidartät stellen und den Widerstand der Völker diskrimnieren. Erstmals in der Memschheitsgeschichte ist jedoch die Befreiung an die weltweite Solidarität gebunden. Diese ist nicht in ertser Linie eine moralische Pflicht, sondern eine Erfolgsbedingung. Die Befreiung in früheren Zeiten erforderte nicht eine solche weltumspannende Solidarität. Sie war in einzelnen Ländern erfolgreich. Das deutet daraufhin, dass eine neue Stufe des Subjektseins der Menschheit beginnt, bei der die Menschen ein koordiniert handelndes Ganzes bilden. Die Völker können nicht jedes für sich erfolgreich sein, aber sie müssen jedes für sich agieren. Jedes Volk muss seinen Weg suchen und gehen, seine Ziele definieren. Es gibt keine Übertragung der Wege und Ziele. Darin besteht ja gerade der Kardinalfehler der Eurokraten, dass sie die Zukunft Europas in einem Imperium sehen.

Nicht nur die technisch-wirtschaftlich wenig entwickelten Staaten stehen vor der Entschuldung, sondern auch die fortgeschrittensten. Deren Entschuldung ist eine Vorbedingung der Entschuldung der weniger entwickelten, denn sie bürden einen Teil ihrer Schuldenlast den weniger entwickelten auf. Die Bemühungen zur Entschuldung der ärmsten Staaten haben diesen Zusammenhang noch nicht im Blick. So stellt der „Schuldenreport 2010“ die ärmsten Staaten in den Mittelpunkt, ohne auf die Verschuldung in den reichen hinzuweisen. Das Problem ist aber nicht gesondert für die armen Staaten zu lösen, sondern der Ansatz zur Lösung liegt in den fortgeschrittensten Staaten. Wer diesen Zusamenhang ignoriert, der erzeugt falsche Hoffnungen. Die Schulden sind wie eine Krankheit, die an ihrem Herd bekämpft werden müssen. Die Forderung „Entwicklung braucht Entschuldung“ von „erlassjahr.de“ mit Blick auf die zurückgebliebenen Staaten muss zu einer weltweiten Forderung ausgeweitet werden: „Erneuerung braucht Entschuldung“. 
Die caritative Hilfe ist Nothilfe, aber keine Entwicklungshilfe. Was unter dem Begriff Entwick-lungshilfe getan wurde, diente nicht der Entwicklung der jeweiligen Länder, sondern der Schaffung solcher politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse, die den Geberländern bzw. den Institutionen wie IWF und Weltbank am zweckmässigsten erschienen. Die Entwicklungshilfe ist also ein Mittel der Durchsetzung der Herrschaftsbeziehungen gegenüber diesen Ländern. Wie anders ist es zu erklären, dass diese Länder trotz aller Hilfen heute hoch verschuldet sind und vor allem sich dem Diktat der Weltbank und des IWF bis zur Selbstverleugnung beugen müssen? Die Entwicklungshilfe ist moralisches Feigenblatt und Peitsche zugleich und gehört zum Arsenal der Globalisierung. Von Partnerschaft konnte nie die Rede sein. Ein uneigennütziges Verhältnis ist erst möglich, wenn die Verhältnisse in den westlichen  Industrieländern selbst demokratisiert sind.   

Das Haupthindernis sind die technisch-wirtschaftlich fortgeschrittenen Staaten, die bis heute ihrer Verantwortung für die Weltgemeimschaft nicht nachkommen. Durch ihr Festhalten an der geschichtlich überholten Politik begeben sie sich selbst ins Abseits und können ihren Anteil zur Erneuerung der Weltgemeinschaft nicht leisten. Ihr Wissen und ihr technisches Potential gehört aber der ganzen Menschheit, ist eine menschliche Errungenschaft schlechthin. Doch die sogenannten Industriestaaten betrachten diese Errungenschaften als ihr Eigentum und führen damit einen rücksichtslosen, egoistischen Konkurrenzkampf. Wenn man ihr Verhalten betrachtet, muss man sich schon des Zweifels erwehren, dass die geistige und technische Akkumulation der Zivilisation und die immensen materiellen und kulturellen Opfer, die andere Völker erbracht haben, vergeblich waren. Die Stagnation in den Industriestaaten führt heute zu einem Entwicklungsverlust, der sich zum Nachteil der ganzen Welt auswirkt. Man muss betonen: in ihrer Verantwortung liegt mehr als die Vernachlässigung ihrer Länder. Die Überwindung der politischen Stagnation in den Industrie-staaten wird sich positiv auf die Überwindung der Armut und Zurückgebliebenheit in den ärmsten Ländern auswirken. Die Gegensätze zwischen den Staaten müssen fallen, nicht die Unterschiede. 

Die globale Verschuldung schafft eine neue internationale Situation. Damit ist die Entschuldung das unmittelbar zentrale Problem der Gegenwart. Hieraus erklärt sich auch, weshalb die westlichen  Politiker um dieses Problem wie die Katze um den heissen Brei schleichen. Auf ihren Zusammen-künften, wie dem letzten G 20-Gipfel diskutieren sie darüber, wieviel Neuverschuldung vertretbar ist. Über eine Insolvenzordnung und ein Entschuldungsprogramm sprechen sie nicht. denn die Entschuldung würde dem internationalen Finanzkpitalismus den Boden unter den Füssen wegziehen. Die Entschuldung ist eine Freigabe für die Zukunft.

Die Industrieländer werden heute ihrer geschichtlichen Aufgabe nicht gerecht. Es gibt gegenwärtig keine politische Kraft, von links bis rechts, die die Entschuldung als politische Forderung in den Mittelpunkt stellt. Stattdessen ist selbst die Opposition mit Ratschlägen beschäftigt, wie ein sozial verträglicher Schuldenrückbau aussehen sollte, wodurch sie die Menschen täuschen.             

Die Opposition ist gespalten. Der kleinbürgerliche Flügel kritisiert die Regierungspolitik, ohne wirklich Einfluss auf sie zu nehmen. Vor dem Schuldenmoratorium hebt er erschreckt die Hände, weil die Rückzahlumng der Schulden für ihn selbstverständlich ist. Diese Inkonsequenz resultiert aus dem mangelnden Verständnis der Aufgabe, vor der heute die Menschheit steht. Diese halb-herzige Opposition fängt den Unmut ab und verhindert einen Widerstand, der in eine gesellschaft-liche Erneuerung übergeht. Wer die Rückzahlung der Schulden ins Kalkül zieht, der bleibt in der Zivilisation stehen. 

Der alternative Flügel stellt dagegen die Entschuldung in den Mittelpunkt seiner Forderungen. Dabei ist klar, dass die Entschuldung nicht von heute auf morgen umgesetzt werden kann. Der errste Schritt ist ein Schuldenmoratorium, damit die Völker von der Zinslast befreit werden. Ihm muss eine freie öffentliche Diskussion über den Schuldenanstieg folgen, damit die Bürger tiefer die Hintergründe und Zusammenhänge erkennen. Erst dann ist ein Volksentscheid sinnvoll. Das Schuldenmoratorium kann nur der Anfang sein, an den sich die öffentliche Diskusssion und schliesslich der Volksentscheid anschliessen. Nehmen wir an, es käme durch einen Parlaments-beschluss zur sofortigen Entschuldung, so geschähe das nicht durch Einbeziehung der Bürger, sondern es wäre wieder ein Akt über deren Köpfe hinweg.

Geht das Schuldenmoratorium voraus, so bedeutet das, dass erst einmal die finanziellen und psychischen Belastungen der Verschuldung beseitigt werden. Der Bürger kann frei von diesem Druck sich bewegen. Und diese Freiheit ist die Voraussetzung einer gründlichen Diskussion über Zusammenhänge und Lösungen. Der Bürger kann sich nun ohne Angst mit den Machenschaften der Vergangenheit auseinandersetzen und die bestmögliche Variante der Schuldenstreichung heraus-suchen. Mehr noch, er hat den Kopf frei, ein neues Geldsystem zu kreieren, ein Geldsystem, welches ohne den Zins auskommt. Es geht also nicht um einen formalen Akt der Schulden-streichung. Es geht um einen mit Bewusstsein vollzogenen Akt, bei dem der Bürger eine gründlich durchdachte Entscheidung trifft.

Die Diskussion um die Schuldenstreichung ist ein demokratischer Bildungsprozess, schafft einen Bildungsvorlauf beim Bürger, der Voraussetzung für die nachfolgende Schritte ist. Der Bürger steht vor einer aus bisheriger Sicht ungewohnten Anforderung. Er muss sich zum Mitgestalter gesell-schaftlicher Verhältniss entwickeln. Auf diese öffentliche Diskussion  kann prinzipiell nicht verzichtet werden. Die anzustrebende Lösung soll dauerhaft sein. Sie wird ein Eingriff in das bisherige Geldsystem sein. Riskante Experimente sind  angesichts der Bedeutung des Geldes in der Gesellschaft auszuschliessen, denn auch künftig wird das Geldsystem eine Regelungsgrundlage des gesellschaftlichen Alltags sein.

Das zinslose Geld bringt nicht nur Erleichterung, sondern auch neue Probleme. Der Zins als Steuer-element entfällt. Allein die Beschleunigung des Geldumlaufs bringt uns dem neuen Gegenstand nicht näher. Die Geldumlaufbeschleunigung, wie Silvio Gesell sie vorschlug, ist noch nicht aus-reichend für ein qualitativ anderes Verhalten des Menschen. Sie würde zu einer Beschleunigung der heutigen Naturzerstörung durch den Menschen führen. Aber das Geldsystem soll ja ein Mittel sein, mit dem eine neue Wirtschaftsweise geschaffen wird. Der Zusammenhang zwischen Geld und menschlichem Interesse wird durch den Preis vermittelt. Um die Ware-Geld-Beziehungen für die Erneuerung zu nutzen, muss die Gesellschaft ihre Aufmerksamkeit auf den Preis als Geldausdruck des Wertes lenken. Sie muss sich der Wertermittlung zuwenden und damit das  tun, was bisher sich spontan auf dem Markt vollzog. Welchen Gebrauchswert hat das Produkt für die Reproduktion von Mensch und wie bedeutsam ist seine Nutzung für die Reproduktion? Diese Bedeutung des Produkts muss sich im Geldausdruck der Leistung des Subjekts und im Preis der Ware ausdrücken.     

Die Zinsgestaltung lag im Interesse der privaten Banken und wirkte so als wirtschaftliche Triebkraft. Fällt der Zins weg, muss die Preispolitik des Staates diese monetäre Steuerfunktion übernehmen, damit das neue Interesse überhaupt zur Geltung kommen kann. Eine spontane Regulierung hinter dem Rücken der Menschen ist künftig nicht mehr akzeptabel, weil die wirtschaftlichen Entscheidungen immer gravierender in die menschliche und die natürliche Reproduktion einwirken. Die Preisgestaltung kann Handlungsweisen richten und stimulieren. Das  neue Ware-Geld-System kann somit Triebkräfte auslösen, die auf den neuen Gegenstand menschlicher Tätigkeit, auf den Zweck des menschlichen Daseins in der Natur ausgerichtet sind. Der Umgang mit dem Geld wird also nicht einfacher, im Gegenteil, komplizierter, wie überhaupt die Organisation der neuen Gesellschaft im Vergleich zur Zivilisation komplizierter wird . 

Die Natur erscheint als Subjekt, dessen Kopf der Mensch ist oder so: der Mensch ist das Subjekt-sein der Natur. Die größte Freiheit für den Menschen muss dann gegeben sein, wenn er sich dem neuen Gegenstand zuwendet, sowohl als Produzent als auch als Konsument. Dann muss er auch die Zustimmung der Gesellschaft unmittelbar spüren, selbst dann, wenn er einen Geldvorschuss, Kredit, benötigt. Die Tauschmittelfunktion ist auch die Grundlage des künftigen Geldsystems. Der Kredit als subjektiver Vorschuss wird gegeben nach Massgabe des zu erwartenden Wertzuwachses und ist nicht an die Bedingung eines Tributs an die private Geldschöpfung geknüpft.

Wir bewegen uns in Richtung der Zukunft, wenn das Geldsystem auf den neuen Gegenstand orientiert. Neue Schöpferkraft ist ohne Beachtung dieses Zusammenhangs nicht denkbar. Die Schaffung von Regionalgeld ist heute ein solcher Ansatz, denn es fördert die regionalen Kreisläufe und liegt im Interesse dess Menschen und der Umwelt. 

Die wachsenden Schulden sind für die Menschheit eine Barriere, die durch Tilgung  nicht mehr aus dem Weg geräumt werden kann. Der Hauptverursacher sind die westlichen Industriestaaten. Das globale Schuldenmoratorium kann verhindern, dass die Belastungen zum allmählichen Kräfteverfall führen. Für die Banken gibt es diese Grenze nicht. Für sie sind die Menschen ein unerschöpflicher Quell für Zinszahlungen. Das ist allerdings ein Trugschluss. Die erste Grenze liegt da, wo die erweiterte Reproduktion aufhört. Endgültig ist Schluss, wenn die einfache Reproduktion nicht mehr gewährleistet ist, denn dann beginnt der menschliche Abbau. Wenn wir den Sinn des Menschen aus seiner Stellung in der Natur erklären, dann muss er sich ständig entwickeln, da diese unendlich ist. 

 

                                                                                            J. Hertrampf  27.06.2010