Freiheits-Klagelied.
Meine lieben Freunde. Warum bloß habt ihr Angst vor mir? Warum wollt Ihr mich in Ketten sehen? Und jeder von Euch will mir andere Fesseln anlegen. Am Ende wäre ich von niemandem so vollständig eingeschnürt wie von meinen Freunden.
Warum mißtraut Ihr mir? Gab ich Euch nicht Würde, Selbstachtung, den Willen zur Leistung? Und Ihr wart stolz und danktet es mir, indem Ihr Euch mäßigtet, Vernunft walten ließet und Frieden hieltet.
Ihr wißt doch, daß Ihr mich verliert, wenn Ihr mich delegiert auf irgendwelche Repräsentanten. Ich bin weder teil- noch übertragbar. Demokratie gibt es nur, wo jedes Mitglied mitentscheidet, was gilt und geschieht.
Wenn Ihr Euch selbst Zwänge auferlegt, das ist Euer eigener Wunsch und Wille. Es stärkt Euer Selbstvertrauen. Und es schafft Ordnung, läßt Regeln und Recht zur Geltung kommen.
Ich veranlasse Euch, selbst zu bestimmen, welchen Regeln und welchem Recht Ihr Euch unterwerft. Und ich erlaube und ermögliche Euch, die Gemeinschaft zu verlassen, deren Regelungen Ihr nicht mehr gutheißt.
Fesseln dürft Ihr mir keine anlegen. Schon die erste verstümmelt mich. Und habt Ihr mir erst eine verordnet, bleibt von mir bald nichts mehr übrig.
Jede Festlegung allgemeingültiger Natur erregt bei einem Teil von Euch Widerspruch (über dessen Berechtigung mein Wesen keinen Urteilsspruch erlaubt). Jede Vorgabe bildet daher den Keim für Aufstand und Krieg.
Nehmt mich an, wie ich bin. Wer mich besaß, mußte es nie bereuen. Doch nur blank und bloß bin ich existent und für Euch von Nutzen.
Wenn man Plutarch glauben darf, dann erkannte schon Perikles, daß ich das Geheimnis des Glückes bin. Mein Geheimnis aber, so wußte er, ist der Mut. Er wollte, daß seine Mitbürger mich in Ehren halten. Bei den heutigen Vordenkern dagegen stehe ich in schlechtem Ruf. Sie dichten mir Chaos an und Anarchie in ihrem bösen Sinn, obgleich offensichtlich ist, daß dort, wo das auftritt, meine Abwesenheit dies verschuldet (weil Staatsgläubige die Feder führen oder Herrschsüchtige Gefolgschaft finden – oder mir mißtrauende Freunde ihre Riegel vorschieben).
Ich verlange ein bißchen Courage, das ist wahr, den Verzicht auf soziale Sicherheit und Betreuung. Ich zwinge Euch, die Folgen für Euer Handeln und Euer Versagen zu tragen. Das ist mit mir untrennbar verbunden. In Not geraten, kann Euch nur die Barmherzigkeit Eurer Mitbürger helfen.
Aber wenn Ihr den Mut der Selbstbestimmung, der Eigenverantwortlichkeit aufbringt, garantiere ich Euch ein Fortleben in Anstand und Würde.
Mein Wunsch zum Jahreswechsel: Wahre Freunde.
Karl-August Hansen