Grundgedanken der Philosophie Mathilde Ludendorffs

Ich darf Sie mitnehmen zu einer Wanderung durch die Philosophie Mathilde Ludendorffs, die sie selbst als „Gotterkenntnis“ bezeichnet.
Ihre Philosophie befaßt sich nicht mit irgendwelchen abstrakten Gedankenspielereien, sondern beantwortet die Frage nach dem Sinn des Menschenlebens, nach der Bedeutung des Sterben-Müssens und dem Sinn der menschlichen Unvollkommenheit. Daraus leitet sich eine Antwort auf die Frage nach der Grenze zwischen Pflicht und Freiwilligkeit ebenso ab wie nach der Bedeutung der Völker und noch vieles mehr.
Die Gotterkenntnis stützt sich auf die Entwicklung der Arten ebenso wie auf einzelne als richtig erkannte Einsichten der Philosophen Platon, Kant und Schopenhauer. Zudem steht sie im Einklang mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Zeit.

Für unsere Wanderung brauchen wir einige Wegweiser, ohne die wir uns verirren.
Diese bestehen in der Definition einiger Begriffe, auf denen die Philosophie aufbaut. Sie sind notwendige Voraussetzung für das Verständnis. Dabei führt schon jede Begriffserklärung weiter hinein in die Gedankenwelt Mathilde Ludendorffs.

Vernunft und Intuition
Nach Kant kann der Mensch die Welt von zwei Seiten betrachten Für die äußere Seite ist die Vernunft zuständig. Die äußere Seite, das ist das Diesseits, die Erscheinung, alles Nachweisbare. Vernunft befähigt uns, alle Erscheinung in Raum und Zeit einzuordnen, sie nach Ursache und Wirkung zu überprüfen (Urteilskraft), uns eine Vorstellung von ihr zu machen (Vorstellungskraft) und diese im Gedächtnis zu bewahren (Erinnerungskraft). Mithilfe der Vernunft gelangen wir zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Die für die Vernunft notwendigen Fähigkeiten können ausgebildet, aber auch gelähmt werden. Vernunfterkenntnisse können erlernt und übermittelt, aber unter Umständen - wenn auch selten - intuitiv erfahren werden. Dann müssen sie jedoch im Nachhinein immer eine Bestätigung durch die Naturgesetze erhalten. Doch bleibt Vernunft lebenslang irrfähig.
Ohne die Vernunft und ihre Erkenntnisse könnten wir heute nicht das Leben so führen, wie wir es tun. Sie hilft uns, Naturgesetze zu erforschen und durch deren Erkenntnisse den Daseinskampf zu erleichtern. Denken wir dabei nur an die Fortbewegungs- und Nachrichtenmittel, die wir zur Verfügung haben.
Mit Hilfe der Vernunft kann sich - nach Kant - der Mensch „aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ befreien, sich also gegen Unwissenheit und Seelenmißbrauch wehren. Daher wird der Vernunftausbildung in der Erziehung hoher Wert beigemessen.
Doch ist Vernunfterkennen nicht auf alle Gebiete anwendbar. Darüber, was nicht Erscheinung ist, kann und darf sie sich keine Vorstellung machen. Hier liegen die von Kant erkannten Grenzen der Vernunft (Kritik der reinen Vernunft).
Glaubte Kant noch, diese innere Seite der Welt, die Nicht-Erscheinung, das „Ding an sich“, wie er es nennt oder das Jenseits, wie es Mathilde Ludendorff bezeichnet, könne vom Menschen nicht erfaßt werden, so ist es das Verdienst der Philosophin, dafür das zweite „Erkenntnisorgan“ des Menschen entdeckt zu haben: das Ich der Menschenseele, das dieses Wesen der Erscheinung bewußt, aber intuitiv erlebt.

Was ist denn das „Wesen der Erscheinung“, werden Sie vielleicht fragen.
Hier kommt Platon ins Spiel, der auf der Suche nach dem Immergültigen sittliche Ideale und Tugenden nannte. Aus seiner Idee des Guten und seinen Tugenden - Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit - wurde bei der Philosophin das Wesen der Erscheinung, also  das Gute, das Schöne, das Wahre und ein davon geleitetes Lieben und Hassen. Diese Ideale können nur erlebt werden. Dieses Erleben kann spontan erfolgen, aber auch angeregt werden z.B. durch edle Taten, wie die Befreiung eines Volkes von Unterdrückung, durch Worte, die auch durch Todesandrohung nicht zurückgenommen werden, durch Kunstwerke oder die Natur. Eine Beschreibung dieses Erlebens ist nicht möglich, denn es ist nicht mit der Vernunft faßbar. Genausowenig  kann es erzwungen, gelehrt oder eingeübt werden.
Versuchen Sie einmal, einen anderen Menschen dazu zu bringen, etwas schön zu finden. Wenn ihm etwas nicht gefällt, hilft kein Überreden. Allenfalls kann er veranlaßt werden, zu heucheln oder durch suggestive Beeinflussungen dazu gebracht werden.
Überlegungen darüber, was einem denn das Schöne, Gute und Wahre nützt, zu welchen Zweck es am besten einzusetzen wäre oder welche Folgen es nach sich ziehen könnte, zerstören den Wert dieser Ideale. Sie wollen um ihrer selbst willen gelebt und erlebt werden, und zwar spontan und freiwillig. Das Wesen der Erscheinung kann nur durch Gleichnisse übermittelt werden, wie durch Musik, Dichtung, Malerei, Plastiken oder Bauwerke, die den Betrachter den jenseitigen oder auch transzendenten Gehalt dieses Werkes bzw. das, was dessen Schöpfer bewegte, nacherleben lassen. 
Das bewußte Erleben des Ichs ist also nichts Mystisches: es befindet sich nur jenseits der Erkenntniskraft der Vernunft und entzieht sich damit den Vernunftkategorien: Zeit, Raum und Ursächlichkeit. Nachvollziehen können Sie das, wenn Sie versuchen, das Schöne zu definieren. Vielleicht gelangen Sie noch zu irgendwelchen Harmoniegesetzen, also Vernunftaussagen, jedoch beschreiben diese immer nur einen Teil des (sichtbar) Schönen, können aber niemals das Wesen des Schönen vollständig erfassen. Genauso ergeht es einem mit der Liebe, dem Guten, dem Edlen oder der Würde. Der Mensch erlebt sie, aber nicht durch die Vernunft sondern allein durch das „gottahnende Ich der Menschenseele“.
Lediglich die Wahrheit ist als Übereinstimmung des Vorgestellten mit der Tatsächlichkeit der Vernunft noch so nahe, daß sie auf die Erscheinungswelt angewendet und in Worte gefaßt werden kann. Die Denkkraft der Vernunft bedient sich des Wunsches nach Wahrem, um etwas zu ergründen.

Vernunft und Erscheinung gehören ebenso zusammen wie Intuition und das Wesen der Erscheinung. Die beiden Erkenntnisorgane dürfen nicht verwechselt und auf das falsche Gebiet angewendet werden.

Was ist Gott?
Wir hörten ja den Begriff vom „gottahnenden Ich“.
Mathilde Ludendorff verwendet den uralten Begriff Gott, obwohl sie darunter etwas ganz anderes versteht als die bekannten Weltreligionen. In ihrer Philosophie ist damit kein persönlicher Gott gemeint. Gott, das Göttliche, das Absolute oder das Jenseits, das Geniale oder das „Ding an sich“ umfaßt das Wesen der Erscheinung, also das Schöne, das Gute, das Wahre und eine davon geleitete Menschenliebe. Gott umfaßt das, wofür das intuitive Erkennen zuständig ist bzw. das Ich der Menschenseele.
Gott ist nicht beweisbar, nicht zu definieren sondern nur zu erleben. Erst wenn das Göttliche sich in einer Erscheinung ausdrückt, Werk, Wort oder Tat wird, kann die Vernunft es erfassen.
Nehmen wir uns Mozart zum Beispiel:
Alles Geniale, was ihn bewegte, seine Werke zu schaffen, ist nicht zu beschreiben, es entzieht sich der Vernunft. Doch werden sie durch die Notenschrift auf das Papier gebracht und dann von einem Orchester wiedergegeben, werden sie Erscheinung und mit den Sinnen wahrnehmbar. Natürlich entzieht sich auch das Erleben des Zuhörers der Vernunft, aber er kann sagen, wie lange das Werk gedauert hat, aus welchen Sätzen es aufgebaut ist und mit welchem Tempo und welchen Instrumenten es gespielt wird.

Eigenes Erleben Gottes oder des Göttlichen ist unabhängig von jeder Belehrung und kann nicht geschult oder gar erzwungen werden. Es muß freiwillig erfolgen. Auch der Ungebildete kann Gott erleben.

Jede Persönlichkeit hat ihren eigenen besonderen, von ihrer Wesensart gestalteten Zugang zum Göttlichen. So vielseitig wie die Ausprägungen menschlicher Eigenarten sind, so mannigfaltig gestaltet sich letztendlich auch dieses Jenseitserlebens der Menschen. Schon deshalb ist Gotterleben nicht übertragbar.
Bereits mit dem ersten Menschen gab es ein Sehnen nach Idealen. Sie können das daran erkennen, daß schon in der Steinzeit Gebrauchsgegenstände verziert wurden, daß versucht wurde, die eigene Umgebung so schön wie möglich zu gestalten, wie die entdeckten Höhlenmalereien beweisen. Und wie will man es sich erklären, daß es bereits vor 3000 Jahren Menschen gab, die ihre Toten auf Wiesenblumen bestatteten. Alles Verhaltensweisen, die nichts mit Nützlichkeit zu tun haben. (Heute allerdings weigern sich manche ganz bewußt, dem Wunsch zum Schönen nachzugeben und wählen absichtlich das Häßliche, Banale oder Flache).
Jede unserer vier Bewußtseinsfähigkeiten wird von einem der göttlichen Wünsche überstrahlt: Das Wahrnehmen von Schönem, das Denken von Wahrem, das Handeln von Gutem und das Fühlen von göttlich gerichtetem Lieben und Hassen.
Das bewußte Erkennen eines Erlebens des Schönen, Guten, Wahren und der göttlich gerichteten Menschenliebe, also von absoluten Werten, die übrigens keine Zugeständnisse kennen, hat uns nun schon mitten hinein in die Gotterkenntnis von Mathilde Ludendorff geführt.

Was ist nun der Sinn des Menschenlebens?
Ausgehend von den physikalischen und chemischen Gesetzen muß der Sinn des Menschenlebens vor dem Tode erfüllt werden, da er an das Bewußtsein des Menschen gebunden ist. Ist dieses geschwunden, zersetzen sich die Zellen in die Bausteine, aus denen sie einst gebildet wurden, verwandelt sich organisches Material wieder in anorganisches. Somit ist auch kein seelisches Weiterleben mehr möglich.
Der Mensch ist unvollkommen; dieser Behauptung wird wahrscheinlich jeder zustimmen, der erlebt, wie sich manche durch Alkohol, Drogen oder Arbeit zugrunde richten. Auch Zank, Rachsucht, Bosheit, Neid und Gier lassen den Menschen alles andere als vollkommen erscheinen, obwohl er durch sein Bewußtsein das höchstentwickelte Lebewesen auf Erden ist.
Bei der Suche nach dem Auslöser für solch selbstschädigendes oder widersinniges Handeln stößt man auf den von Schopenhauer erkannten Willen, den alle unbelebte Substanz ebenso zeigt wie jedes Lebewesen, der umso deutlicher zutage tritt, je höher das Lebewesen entwickelt ist: Das ist der Selbsterhaltungswille. Dieser Wille äußert sich darin, daß er ein Lebewesen sein Leben erhalten lassen möchte. Beim Tier ist dies durch Instinkte gesichert. Es hat keine Wahl. Aber der Mensch hat eine Wahl, nämlich zum Guten wie zum Schlechten, zum Rettenden wie zum Schädigenden. Mit Hilfe der Vernunft kann er sich alle Folgen ausmalen, kann sie im Gedächtnis speichern. Da er weiß, was auf ihn zukommt, versucht er so zu handeln, daß ihm das Erwartete nicht zu unangenehm wird. Sein Selbsterhaltungswille ist also an die Eigenschaft gebunden, Angenehmes zu suchen und Unangenehmes zu vermeiden, auch wenn das auf Kosten der eigenen Gesundheit oder der eigenen Seele erfolgt. Der Mensch ist unvollkommen geworden.
Wenn Sie den „inneren Schweinehund“ kennen, dann wissen Sie, was gemeint ist.
Als „Lustmaximierung“ ist dieses Streben inzwischen auch von anderen Psychologen erkannt. Mathilde Ludendorff spricht hier philosophisch vom gottverlassenen, unvollkommenen oder auch lustversklavten Selbsterhaltungswillen.
Überlegen wir einmal, wann wir uns ärgern oder auch Unmut empfinden oder schlechte Laune bekommen!
Dann nämlich, wenn etwas nicht nach unseren Vorstellungen verlaufen ist, wir einen Tadel erhalten oder etwas verloren haben. Im Gegensatz dazu freuen wir uns, wenn etwas gelungen ist, oder es sich so abgespielt hat, wie wir es uns vorgestellt oder gewünscht haben. Auch Macht bereitet Lust und ist Auslöser für viele Taten. Macht erhält man nicht nur durch Reichtum, Einfluß und Wissen; auch Handlungen, die anderen Schaden zufügen, lösen ein Machtgefühl aus.

Dieser gottverlassene Selbsterhaltungswille ist nun der Gegenspieler des gottahnenden Ichs der Menschenseele.

Das möchte ich Ihnen am Beispiel der Wahrheit verdeutlichen.
Das gottahnende Ich eines Menschen möchte dem Ideal der Wahrheit folgen und die Wahrheit sagen. Der Selbsterhaltungswille mit seiner äußerst irdischen lustversklavten Eigenschaft weiß aber, daß eine Wahrheit unangenehme Folgen haben kann, und das möchte er vermeiden.
Die Kraft, die im Augenblick kurz vor der Tat am stärksten ausgeprägt ist, wird die Entscheidung herbeiführen.  
Ihrem berechtigten Einwand, daß der Mensch danach ja gar keine Willensfreiheit hätte, und somit an seinem Verhalten schuldlos wäre, begegnet die Philosophin mit dem Hinweis auf Ruhezeiten, in denen ein Mensch über sich nachdenken, sein Gewissen verfeinern und dieses  Kräfteverhältnis verändern kann, so daß die Ausgangslage bei der nächsten Entscheidung eine andere ist. Natürlich spielen bei allen Entscheidungen auch noch angeborene und erworbene Charaktereigenschaften mit, aber auch diese sind auf die beschriebene Weise veränderbar.
Die Entwicklung dieser beiden Gegenspieler, d.h. die Abhängigkeit von Lustgier und Leidangst kann nun im Laufe eines Menschenlebens ganz unterschiedliche Wege nehmen:
Die Abhängigkeit kann ein Leben lang erhalten bleiben und nur gelegentlich in Stunden der Erhebung, in Zeiten des Einklangs mit den göttlichen Wünschen, zum Schweigen gebracht werden. Immer wieder fällt der Mensch in die Abhängigkeit von Lust und Leid zurück, wechselt von göttlichem zu widergöttlichem Tun. Er bleibt so, wie er geboren ist: er bleibt unvollkommen.
Kappt er die Verbindung zu den göttlichen Wünschen völlig, werden sie für ihn nur noch zur leeren Redensart, entscheidet er ausschließlich danach, was ihm nützt oder mit irgendeinem Zweck verbunden ist, hat er seine Seele eingesargt, wurde er zu dem von Mathilde Ludendorff so genannten „plappernden Toten“.
Dieser unvollkommene Selbsterhaltungswille kann jedoch auch gezähmt werden, durch Arbeit an sich selbst. Der starke Wunsch, sich zu ändern, das Erkennen eigener Schwächen – Selbsterkenntnis, die sich nichts vormacht - sind Voraussetzung. Selbstbeherrschung gehört dazu, eine Gewissensprüfung ebenso. Dann entscheidet immer öfter nicht mehr der gottverlassene Selbsterhaltungswille, der ja immer Zweck und Nutzen einbezieht, die Tat, sondern sie wird immer häufiger geleitet von den göttlichen Wünschen.
Nicht Askese oder Weltflucht führen dahin, auch nicht das Abtöten von Freude und Leid. Im Gegenteil: durch die Verinnerlichung der göttlichen Werte wird das Erleben von Freude und Leid tiefer, aber auch der Blick für das Edle geschärft. Mit dem Überwinden von Lustgier und Leidangst des Selbsterhaltungswillens ist ein Mensch „vollkommen“ geworden.
Damit sind wir eigentlich schon am Ziel unserer Wanderung angekommen:

Ein Leben bewußt geführt im Einklang mit den göttlichen Wünschen, und zwar ausnahmslos und unbedingt, erhaben über und unnahbar für alles Schlechte, Häßliche und Unwahre, das  ist der Sinn des Seins.

Diese Arbeit an sich selbst, diese Selbstveredlung, wird von Mathilde Ludendorff „Selbstschöpfung“ genannt. Jeder Mensch hat aus sich heraus die Kraft und die Fähigkeit, seine Seele vollkommen werden zu lassen. Doch ob er das tut, das ist seine freie und ureigenste Entscheidung und das muß sie immer bleiben. Es ist keiner da, der ihn prüft und bewertet. Seine Begabungen bzw. Begabungsgrenzen bleiben davon jedoch unberührt. Weshalb Mathilde Ludendorff auch gelegentlich von „bedingter Vollkommenheit“ spricht.
Zu Gotterleben ist jeder Mensch fähig, unabhängig von seinem Schicksal.
Dabei ist das Göttliche erhaben über die Anzahl der Menschen, die es erleben. Schon das Streben der Menschen nach Werten und Idealen adelt sie. Nicht nur die seltenen Vollkommenen, auch die vielen unvollkommen Gebliebenen erfüllen in Stunden der Erhebung die „heilige Aufgabe der Selbst- und Gotterhaltung im Volke“, wie es die Philosophin ausdrückt. Und sie tragen dazu bei, daß ein Volk nicht ausstirbt.
Doch sind noch Fragen offen geblieben:

Warum müssen wir sterben?
Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit spielt in nahezu allen Religionen eine Rolle. Um dies zu erklären ist auch hier wieder ein Blick in die Entwicklungsgeschichte hilfreich. So gab es zu Beginn der Evolution ein Lebewesen, das keinen Alterstod kannte, das nicht sterben mußte wenn es nicht verhungerte, erkrankte oder verunglückte. Es konnte theoretisch ewig leben; es besaß sozusagen die Kraft zur Unsterblichkeit. Das war unser Ururururur … vorfahr, der  potentiell unsterbliche Einzeller (Protozoa), dessen Erbgut wir noch in uns tragen, der – so könnte man sagen - für diese Sehnsucht, für dieses Erberinnern verantwortlich ist.
Natürlich hat sich Mathilde Ludendorff gefragt, warum es überhaupt zu einer Weiterentwicklung gekommen war. Denn der Einzeller hatte eigentlich alles, was er brauchte, war bestens für das Überleben ausgestattet. Er war, wie die Philosophin es ausgedrückt, „wunschgesättigt“. Auch Darwin hatte dafür keine Erklärung.
Warum also die Weiterentwicklung?
Die Erklärung lautet: Das Ziel der Schöpfung war noch nicht erreicht. Mathilde Ludendorffs intuitive Erkenntnis war, daß ein Lebewesen, das Bewußtsein besitzt und bewußt Gott erleben kann, das Schöpfungsziel ist. Davon war der Einzeller noch weit entfernt. Seinen Abwandlungsmöglichkeiten und seiner Größe waren Grenzen gesetzt, machten Höherentwicklung unmöglich. Es mußte also etwas Neues geschehen. Erst die Teilung in Körper- und Keimzellen brachte Weiterentwicklung, und zwar eine, die von da an fast explosionsartig aufwärts trieb. Gleichzeitig mit dem ersten Mehrzeller trat dessen zeitliche Begrenzung, der Tod, auf, der von da an alles Leben begleitet. Das Sterbenmüssen scheint also der Preis für dieses Ziel gewesen zu sein.
Weshalb soll das so gewesen sein?
Der Mensch als Schlußpunkt dieser Entwicklung ist nun aufgrund seines Bewußtseins das einzige Lebewesen der Schöpfung, das sein Schicksal kennt, das weiß, daß es irgendwann einmal sterben muß.

Dieses Wissen um die Begrenztheit seines Daseins setzt ihm zeitliche Grenzen, treibt ihn – wenn er nicht nur materiell denkt -  zu seelischer Entwicklung, und ermöglicht so erst die Erfüllung des Lebenssinns. Endloses Dasein zwingt dagegen nicht zu Entwicklung.

Stellen wir uns einmal den umgekehrten Fall vor! Der Mensch würde genauso wie der Einzeller niemals altern. Wäre endloses Daseinsmuß als bewußtes Einzelwesen, also ewiges Leben, nicht eher Folter als Geschenk? Käme es dann nicht zu Lebensmüdigkeit und Überdruß? Und würde es dann auf Erden nicht recht eng werden? Damit wäre der Anzahl der Menschen Grenzen gesetzt. Neue Persönlichkeiten würden irgendwann einmal nicht mehr entstehen. Nur durch Mord und Totschlag oder Seuchen könnte Platz geschaffen werden. Der Wille zur Mannigfaltigkeit, der dem Göttlichen eigen ist und von dem schon einmal die Rede war, könnte nicht erfüllt werden. Den Ausdrucksformen göttlichen Erlebens wären Grenzen gesetzt. Die ewige Erhaltung einer Einzelpersönlichkeit würde zu viel Enge für das Göttliche bedeuten. Durch das Todesmuß wird es davor bewahrt. Somit hat das Todesmuß, so traurig es auch immer für die Betroffenen ist, göttlichen Sinn.
Unbeantwortet blieb bisher noch die Frage nach dem

Sinn der menschlichen Unvollkommenheit.
Die Feststellung „der Mensch ist unvollkommen“ hatten wir schon einmal getroffen.
Doch hätte nicht der Mensch gleich vollkommen geschaffen werden können? Dann wäre doch der Welt viel Leid und Elend erspart geblieben!
Um den Sinn zu erklären, müssen wir uns erneut mit der Entwicklungsgeschichte befassen, und einen Blick auf das unterbewußte Tier werfen. 
Dieses ist nämlich noch vollkommen.
Manch einer wundert sich vielleicht. Das weit unter dem Menschen stehende Tier soll vollkommen sein? Das ist so, denn es kennt keine Sucht und kein „demographisches Problem“. Alles, was es ausübt, um seine Herde zu verteidigen, sich fortzupflanzen, sein Futter zu suchen, seine Brut zu schützen, sein Territorium zu sichern, dient vollkommen seiner Selbst- und Arterhaltung. Dazu ist es durch seine Instinkte bestens ausgerüstet. Giftpflanzen werden instinktiv gemieden. Der Feind wird nur solange bekämpft, wie er in Reichweite ist. Mit dem Verschwinden aus dem Blickfeld ist er auch schon wieder vergessen. Kommt es zu abartigem Verhalten, hat meistens der Mensch eingegriffen (Blutrausch des Marders im Hühnerstall). Je höher ein Tier entwickelt ist, desto weniger ist genetisch festgelegt, desto mehr muß ein Jungtier lernen, desto anpassungsfähiger und vielfältiger wird sein Verhalten, während die einfacheren Tierarten oft nur eine Möglichkeit kennen.
Ein Tier kann also nicht anders handeln, als es ihm sein Erbgut vorgibt. Sein an Instinkte gebundenes Handeln ist nicht frei, aber vollkommen an sein natürliches Lebensumfeld angepaßt.
Nun ist der Mensch entstanden. Der Mensch besitzt als einziges Lebewesen (Ich)-Bewußtsein. Das heißt, er kann wahrnehmen, denken, fühlen, empfinden und handeln. Er kann sich gesondert von der Umwelt sehen, sich Gedanken über sein Dasein machen, abstrakt denken und sich alles mögliche merken. Der Mensch ist das einziges Lebewesen des Weltalls, das fähig ist, göttliche Wesenszüge in sich zu erleben (das Gute, Wahre …). Er kann sein ganzes Leben danach  gestalten, und sein Erleben auf seine Mit- und Nachwelt ausstrahlen lassen, wie es durch die Werke großer Künstler geschieht. Der Mensch ist aber auch das einzige Lebewesen im Weltall, das sich körperlich und seelisch ruinieren kann, das sich und seinen Mitmenschen das Leben schwer machen oder sogar zerstören kann. Seine Selbst- und Arterhaltung ist überhaupt nicht mehr durch Instinkte gesichert.
Zugunsten der Möglichkeit, Göttliches zu erleben, ist diese Bindung zerschnitten, wurde ihm Entscheidungsfreiheit ermöglicht, ist sein Handeln „frei“ geworden. Denn die göttlichen Wünsche erhalten erst ihren Wert, wenn sie durch eigenen Entscheid und freiwillig erfüllt werden. Somit muß der Mensch die Wahl haben, zu einem anständigen, zu einem teuflischen Menschen oder zu einer der Zwischenformen zu werden. Zugunsten dieser Freiheit ist der Selbsterhaltungswille des Menschen unvollkommen geworden, indem er - wie wir bereits hörten - mithilfe der Vernunft und ihrer Fähigkeiten erkennen und sich merken kann, was Lust bereitet, was Leid vermeidet.

Die Freiheit zu göttlichem Erleben wurde also erkauft zum Preis der Unvollkommenheit.

Stellen wir uns den umgekehrten Fall vor:
Wären wir schon von Geburt an vollkommen, hätten wir nie die Freiheit gehabt, uns selbst zu entscheiden, selbst die Wahl zu treffen, dann wäre unser Verhalten zwangsbestimmt gewesen. Zwang ist jedoch unvereinbar mit dem Göttlichen. Denn Freiheit ist ein Wesenszug des Göttlichen.

Durch Erfahrung kann der Mensch die verloren gegangene tierische Instinktbindung zur Selbst- und Volkserhaltung ersetzen. Dazu sind ihm die Fähigkeiten zum Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Wollen mitgegeben worden. So kann er Wissen erwerben und für dessen Verwendung die Vernunft einsetzen, wobei dies so sinnvoll wie möglich geschehen sollte um ein vollwertiger Ersatz für die verlorengegangenen Instinkte zu werden. Es ist aber auch nur die Erfahrung wertvoll, die wahrheitsgetreu übermittelt wird.

Außerdem befaßte sich Mathilde Ludendorff noch mit dem Gewissens, das in vielen Religionen als zuverlässiges inneres Maß für Entscheidungen gilt. Aber genau davor warnt sie und weist darauf hin, wie oft in unserer Geschichte mit gutem Gewissen übelste Taten vollbracht wurden. Denken wir dabei nur an die Inquisition und die Hexenverbrennungen, die mit grausamsten Folterungen verbunden waren. Die Täter von damals hatten bei ihrer Arbeit auch das beste Gewissen.
Bei der Frage, warum sie das hatten, stoßen wir wieder auf die menschliche Vernunft, die dem lustsuchenden und leidmeidenden Wirken des unvollkommenen Selbsterhaltungswillens ausgesetzt ist. Sie hat Zugriff auf das Gewissen und neigt dazu, sich vor oder nach einer Tat Beweggründe zurechtzulegen, die vor Unlusterleben schützen und ein gutes Gewissen erhalten. So ist einem eigenen guten Gewissen gegenüber immer ein gesundes Mißtrauen angebracht.

Die Bedeutung von Völkern 
Völker sind nicht wie der einzelne Mensch dem Todesmuß unterworfen. Sie sind (entgegen der Ausssage des Werkes „Untergang des Abendlandes“ von Oswald Spengler) unsterblich; wenn sie untergehen, dann durch Krankheit, Gewalt, Unfall oder durch Aussterben. Völker sind Schicksalsgemeinschaften, die außer durch die Geschichte noch durch ein gemeinsames unterbewußtes Erbe zusammengehalten werden. Mathilde Ludendorff nennt das die Volksseele. Manchmal kann man in den Medien hören oder lesen, daß „die Volksseele kochte“, womit ein gemeinsames Erleben, meist eine Empörung, beschrieben wird. Das weist aber schon darauf hin, daß die Menschen eines Volkes gemeinsame seelische Eigenarten zeigen, in denen sie sich von anderen Völkern unterscheiden.
Wobei spielen nun die seelischen Eigenarten eine Rolle?
Sie kommen besonders beim Erleben des Göttlichen zum Ausdruck, also des Schönen, Wahren, Guten und der Menschenliebe. Überlegen Sie einmal, was sie fühlen, wenn Sie ein deutsches Volkslied hören und einen arabischen Gesang! Oder wenn Sie ein Bild von Caspar David Friedrich mit einer bunten Südseemalerei vergleichen. Oder eine Mozartoper mit dem japanischen Kabuki-Theater. Das eigene Volksgut ist vertraut, wirkt heimisch, bewegt die Seele, das andersartige ist unvertraut, bleibt fremd, zugangslos oder nervt sogar. Umgekehrt geht es auch anderen Völkern, wenn Sie deutsches Volksgut erleben. (Etwas anderes ist es mit klassischer Musik, die aus einem Erleben geschaffen wurde, die auch Menschen mit anderer Mentalität offen steht).
Auch in der unmittelbaren Verehrung des Göttlichen finden Sie die unterschiedlichsten Ausdrucksmöglichkeiten: griechische Tempel geben anderes Erleben wieder als die heiligen Haine der Germanen. Die gotische Dome unterscheiden sich deutlich von den asiatischen Pagoden. Die arabische Kaaba oder die islamischen Moscheen sind Ausdruck wieder eines anderen Gotterlebens. Jedes Volk erlebt bestimmte Wesenszüge des Göttlichen besonders innig. Die einen mehr das Schöne, die anderen mehr das Gute. Die einen fühlen sich dem Göttlichen vertraut und ihm ebenbürtig, die anderen neigen sich demütig davor, lieben die Geborgenheit unter dem Höheren. Die einen erleben Gott in Verzückung, die anderen in Versenkung. Arteigenes Gotterleben nennt Mathilde Ludendorff all das Erleben des Schönen, Guten und Wahren, das in der eigenen Kultur zum Ausdruck kommt und das seine Wurzeln im Unterbewußtsein jedes einzelnen hat und über alles persönliche Erbe hinweg verbindend wirkt. Aber auch in den Charaktereigenschaften gibt es Gemeinsamkeiten: Die einen sind mehr verwurzelt im Vertrauten, seßhaft und bringen ihre Heimat zur Blüte, die anderen lockt die Tiefe des Raums und Entdeckerfreude zu Erforschungen in die weite Welt.
Für die einen ist die Bewahrung der persönlichen Ehre das höchste Gut, der andere beugt sich lieber um zu überleben. Bei den einen gibt es eine ausgeprägte Privatsphäre, der andere braucht die unmittelbare Nähe seiner Mitmenschen. Daher ist Erhaltung jeder Volkseigenart Voraussetzung für die Gotterhaltung, die ihr Gleichnis oder ihre Ausdrucksform in der Kultur findet. Alle Volkslieder, Trachten, Tänze, Dichtwerke, Gebäude, Skulpturen oder Gemälde, Sitten und Bräuche, die aus einem der eigenen Art entsprechenden Erleben entstanden sind, schlagen eine Band um die Volksgeschwister, indem sie in ihnen das Unterbewußtsein zum Schwingen bringen und eine Gemütsbewegung verursachen. Das stärkt nicht nur das Eigene, sondern verbindet ohne viele Worte. Erst der Einklang zwischen Angeborenem und bewußter Lebensgestaltung führt zur inneren Harmonie des Menschen, zum eins sein mit sich selbst.

Aber auch alle Fähigkeiten des Bewußtseins, also das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln, werden von diesen unterbewußten Erbeigenschaften beraten. Dann sprechen Menschen „von einer Ahnung die sie haben oder einem instinktiven Drang“.
In besonderen Situationen – meist bei Gefahren - erzwingt sich das unterbewußte Erbgut, die Volksseele, sogar den Zugang zum Bewußtsein und beeinflußt Handlungen. Und zwar in allen, die es besitzen und in denen es nicht verschüttet wurde. Das geschah zum Beispiel nach dem Fall der Mauer 1989, als im Bundestag spontan das Deutschlandlied angestimmt wurde.
Als „Gottlied“ bezeichnet Mathilde Ludendorff übrigens die Kultur, also das in Worten, Taten und Werken Erscheinung gewordene Gotterleben eines Volkes. Verschwindet ein „Gottlied aus dem Chor der Völker“, weil es ausstirbt, so wird die Welt um eine kulturelle Ausdrucksform  ärmer, wird die Mannigfaltigkeit bewußten Gotterlebens eingeschränkt und zwar unwiederbringlich. Mannigfaltigkeit ist jedoch – wie Sie schon hörten - einer der Wesenszüge des Göttlichen. Das Verschwinden eines Volkes kommt einer Verarmung des Göttlichen gleich.
So hat jeder Mensch eine Doppelaufgabe in seinem Leben: Volkserhaltung und Gotterhaltung.

Eine letzte Frage:
Wo ist die Grenze zwischen Pflicht und Freiwilligkeit?  - Moral und Sittengesetz
Hier bringt uns wieder Mathilde Ludendorffs Unterscheidung von Sittengesetz und Moral weiter. Selbst philosophische Wörterbücher zeigen nicht ihre Klarheit.
Moralisch handelt ein Mensch, wenn dies im Einklang mit dem Wunsch zum Guten, Wahren, Schönen und einer davon geleitete Menschenliebe geschieht. Dies ist nur in heiliger Freiwilligkeit möglich, darf also nie von außen gefordert, belohnt oder bestraft werden.
Unter Sittengesetz versteht die Philosophin alle Pflichten, die erfüllt werden müssen, um den Schutz des Dasein, des Eigentums, die Sippen- und Volkserhaltung sowie die Möglichkeit zur Erfüllung des Lebenssinns zu gewährleisten. Es muß Ersatz für die Selbst- und Arterhaltungsinstinkte der Tiere sein, da diese beim Menschen auf Kosten seiner Bewußtheit unvollkommen geworden sind. Diesem Sittengesetz sind Grenzen gesetzt, denn es darf nie in die seelische Entwicklung des Einzelnen eingreifen. Die Einhaltung des Sittengesetzes ist lediglich - wie es Mathilde Ludendorff ausdrückt -  „moralischer Nullpunkt“. Das heißt, eine Einhaltung darf nicht belohnt werden. Sie ist selbstverständlich. Ein Unterlassen ist jedoch Unrecht und muß bestraft werden.
Das Sittengesetz ist der Moral  untergeordnet, was heißt, daß es keine Forderungen aufstellen darf, die dieser widersprechen.

Mit diesen Gedankengängen sind wir am Ende unserer Wanderung angekommen. Natürlich gibt es noch viele ergänzende Seitenpfade, die zum Beispiel hinführen zu „Des Menschen Seele“, zu „Des Kindes Seele und der Eltern Amt“, zum „Gottlied der Völker“, zum „Induzierten Irresein“, zu „Der Minne Genesung“ oder dem „Weib und seiner Bestimmung“.
Hier in diesem Rahmen würde das alles jedoch zu weit führen.
Anhand dieser Ausführungen können Sie sicher verstehen, daß Mathilde Ludendorff jeden wirklich Gläubigen achtet, daß sie es ablehnt, ihm den eigenen Glauben zu zerstören und sich damit gegen jeden Bekehrungseifer wendet. Aber suchende Menschen können auf die Gotterkenntnis hingewiesen werden.
Eine Überzeugung Andersgläubiger kann dagegen immer nur durch das Vorbild geschehen. Das einzige, das die Philosophin einem Gläubigen übelnimmt, ist berechnende Heuchelei. 
Nun hoffe ich, daß ich Ihnen mit diesem kurzen Abriß eine Vorstellung der Gotterkenntnis geben konnte.

G.Fuchs