Anno 771
Der Franke „Karl der Große“:
Wann die Gedanken, welche ein neues Weltalter tragen, zur Verwirklichung mälig herangereift sind, wann die Befriedung der Bedürfnisse einer Zeit zur unausweichlichen Notwendigkeit geworden ist,
dann pflegt ein gewaltiger Mensch unter seinen Zeitgenossen aufzustehen, der ihre Wollungen und Strebungen, ihre guten und bösen Triebe, ihre Gier und ihre Kraft in sich zusammenfasst,
ein gewaltiger mit dem Herrscherkopf und der Schöpferhand,
welcher klar erkennt, was alle anderen nur dunkel ahnen,
welcher entschlossen anpackt, um was die anderen scheu herumgehen,
welcher mit Eisen und Feuer handirt, wo die anderen Latwerken und Salben verordnen,
so Einer, welcher die Vergangenheit abschließt und die Zukunft eröffnet,
in der einen Hand das Schwert der Eroberung, in der anderen die Pflugschar der Gesittung haltend, ein Quäler und zugleich ein Wohltäter der Menschen,
ein Kulturdespot, welcher rüstig das Feld seiner Zeit umackert und redlich die Saat einer neuen Civilisation in die Furchen streut.
Hauptmerkmale solcher Schicksalsmenschen sind ihr Größtes wie Kleinstes gleich scharf erfassender Blick,
ihre Fähigkeit, mit derselben Theilnahme zum höchsten hinauf und zum niedrigsten hinab zu steigen, die ruhelose Sorge für alles und jedes,
die umsichtige Erwägung und das blitzartige Zufahren,
die moralische oder vielmehr unmoralische Gleichgiltigkeit in der Wahl der Mittel,
wo es einen großen Zweck gilt,
der strenge Realismus in der Auffassung, in der Werthung
und im Ge- und Verbrauchen von Mensch und Dingen
und doch auch wieder ein kräftiger Anhauch von jenem Glauben an das Ideal,
ohne welche nichts Großes zu vollbringen ist, -
endlich jenes Geheimnißvolle, Unerklärliche, Dämonische, welches auserwählten Persönlichkeiten innewohnt und schafft,
daß die Leute willig oder unwillig vor ihnen sich beugen.
Aufgelesen aus „Germania“ von Scherr, 1890
Gerhard Pfeiffer, Schorndorf, 21.5.2009
PS. : Die Schreibweise habe ich übernommen.