Kredit und Wachstum
Das Hauptargument der Regierung für die Bankenrettungspläne war, dass die Banken für die Realwirtschaft gebraucht werden, denn sie seien zuständig für das Kreditgeschäft und ohne Kredit könne diese nicht funktionieren. Deshalb müssten die Banken gerettet werden, durch Zuschüsse und staatliche Beteiligungen. Wer so argumentiert, nimmt die bisherige Praxis einfach hin und sieht in ihrer Störung eine grundsätzliche Gefahr für die Gesellschaft. Er übergeht die Frage, ob es denn Privatbanken sein müssen, die der Wirtschaft die Kredite zur Verfügung stellen. Allein diese simple Frage hätte Konsequenzen, denn es liegt auf der Hand, dass Privatbanken andere Ziele verfolgen als eine Staatsbank, die unter demokratischer Aufsicht steht. Gesetzt den Fall, wir hätten eine volkssouveräne Nationalversammlung, die gemeinwohlorientierte Ziele verfolgt, dann müsste sie für ein spekulationsfreies Finanzsystem Sorge tragen. Sie müsste das unbedingt tun, um einen sorgsamen Umgang mit Geld sicher zu stellen. Dabei müsste sie entscheiden, wie überhaupt unter solchen Bedingungen mit dem Kredit umgegangen werden soll. Die heutigen Ökonomen befassen sich nicht mit der künftigen Handhabung des Kredits, weil gesellschaftlicher Wandel für sie kein Thema ist. Vom demokratischen Standpunkt aus ist das dagegen ein wichtiges Thema, weil die Finanzierung produktiver technischer Innovationen geklärt werden muss. Um diese soll es hier gehen.
Kredit und Zins gehören nach gängiger Meinung zusammen. Beide seien die Triebfeder des Wirtschaftswachstums, welches nach Ansicht vieler Kritiker allerdings die menschlichen Lebensgrundlagen zerstört. Nicht wenige leiten den Zwang zum fortwährenden Wirtschafts-wachstum direkt aus dem Zins ab. So plausibel dieser Gedanke auf den ersten Blick erscheint, steht ihm aber entgegen, dass gerade heutzutage von den Banken ein „guter“ Zins auch ohne Wirtschaftswachstum erzielt wird. Wenn der Zins nicht wirklich mit der technischen Innovation korreliert, dann ist sein Verhältnis zum Kredit nur äußerlich.
Wir haben es hier mit einer Erscheinung zu tun, die mit dem Eintritt in die Geldwirtschaft auftrat. Sie ist also keine Besonderheit des modernen Kapitalismus, sondern gehört der ganzen Zivilisation an. Lediglich in der Übergangsphase zur Zivilisation war Geld bloß Tauschmittel, wurde es nicht gehortet. Wird dieses Tauschmittel von den Herrschenden benutzt, dann wird es zu einem Machtinstrument, mit dem sie sich materiell und geistig über die anderen erheben. Ein solcher Geldentzug ist dem einfachen kleinen Warenproduzenten nicht möglich, weil für ihn der ständige Tausch Bedingung seiner Existenz ist. Den sparsamen Geizkragen kann man bei einer theoretischen Untersuchung beiseite lassen. Ein größerer Geldentzug ist nur dem möglich, der physische Zwangsmittel einsetzen kann. Es ist eine naive Annahme, dass sich der Tauschprozess neben dem Herrschaftsprinzip vollziehen würde, als wäre der Markt etwas Unabhängiges, was die Verfechter der Marktwirtschaft noch heute behaupten. Bei dieser Geldakkumulation ist der Reichtum auf der einen Seite gleich der Armut auf der anderen Seite. Dieser Geldentzug erfolgt entweder durch Steuern, Raub, Tribut oder durch den Zins. Der Zins dagegen beruht auf dem vom Herrschenden geschützten Recht des Geldverleihers, sich werthaltiges Geld vom Gläubiger anzueignen. Ein solches durch Zins angehäuftes Geld ist echt werthaltig, wird aber dem Tausch entzogen und stört dadurch den Kreislauf.
Wird angehäuftes Geld zurückgeführt, dann werden über den Konsum die stillgelegten subjektiven Kräfte freigegeben. Es tritt also keine erweiterte Reproduktion ein, sondern der Kreislauf wird wieder ausgeglichen. Trotzdem können dadurch Werke geschaffen werden, die ohne vorangegangene Geldakkumulation nicht möglich gewesen wären. Die Pyramiden sind solche Werke. Diese ursprüngliche Akkumulation ist Akkumulation durch Entzug, die sich durch die ganze Zivilisation hindurch zieht, bis in die Gegenwart hinein. Geld, das so angehäuft wird und dann zur Realisierung eines bestimmten Zweckes verwendet wird, ist kein Kredit. Es ist nur angehäuftes, dem Konsum entzogenes Geld. Wer damit baut, der trinkt, nach einem Wort von Marx, im wahrsten Sinne des Wortes den Nektar aus den Schädeln Erschlagener. Hier besteht kein Unterschied zum Heerführer, der den Sieg mit dem Tod seiner Soldaten erringt. Sind nicht alle großen Bauwerke der Zivilisation zugleich die Grabstätten ihrer Erbauer? Nirgends wird deutlicher, dass Herrschaft menschliche Substanz vernichtet. So unmenschlich gesteigerte Produktivkraft durch Akkumulation ist, so unvermeidlich war sie geschichtlich. Es wäre unsinnig, wie mitunter gefordert, einen Gesell-schaftszustand anzustreben, bei dem das Geld auf seine Tauschmittelfunktion reduziert ist, bei der die Akkumulation fehlt, sei es durch offenen Raub oder Zins.
Im Unterschied zu der Geldmenge, die durch Zwang angehäuft wird, ist der Kredit ein zusätzlicher Vorschuss. Das Kreditgeld wird außerhalb des Reproduktionsprozesses geschaffen und diesem als neues Geld zugeführt. Dieses Kreditgeld ist nicht vorrätig, es existiert nicht wirklich, sondern nur fiktiv, es ist potentielles Geld. Die Geldschöpfung ist eine sehr heikle Aufgabe, weil mit ihr der gleichgewichtige Markt erweitert wird. Hier besteht die große Versuchung, mehr Geld zu schöpfen als real erforderlich ist. Wenn heute Banken dem Staat innerhalb kurzer Zeit riesige Geldsummen leihen, dann haben sie diese nicht vorrätig, sie schöpfen Geld. Das Problem ist hier nur, dass sie es nicht unter dem Gesichtspunkt des gleichgewichtigen Marktes tun, sondern unter dem Gesichtspunkt des Zinses. Das Zinsnehmen ist für sie das unmittelbare Motiv der Geldschöpfung. Besonders makaber ist dieses Geschäft, wenn die Banken vom Staat mit solchem Geld gestützt werden, welches sie dann erneut verleihen. Hier kassieren die Banken gleich einen doppelten Zins für das von ihnen geschöpfte Geld.
Worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten wollen, ist, dass Banken Geld schöpfen, welches sie als Kredit vergeben, also die Tauschgeldmenge vergrößert wird. Es ist leeres Geld, welches vorgeschossen wird, in der Hoffnung, dass der Kreditnehmer daraus werthaltiges Geld macht. Im Unterschied zum Akkumulationsgeld eröffnet dieses eine echte Vergrößerung der Wertmenge der Gesellschaft, ohne dabei irgendeinen Geldbesitzer zu schädigen oder die Konsumtion irgendeines Komsumenten einzuschränken. Und darin liegt seine Besonderheit. Der Wertzuwachs folgt also dem Geldzuwachs. Voraussetzung ist jedoch, dass die Gesellschaft zu einem solchen Wertzuwachs fähig ist. Leeres Geld wird geboten für eine bestimmte Leistung. Der Produzent gibt dem Geld durch seine Arbeit Wert. Der Augenblick des Tausches ist dann der Augenblick der realen Geldaufwertung. Geldloser Wert schlüpft in die Hülle des wertlosen Geldes, so dass werthaltiges Geld entsteht, mit dem beliebig getauscht werden kann. Ein so durch Leistung aufgewertetes Geld unterscheidet sich nicht mehr von dem anderen werthaltigen Tauschgeld. Es gehört nun der gesamten werthaltigen Geldmenge der Gesellschaft an.
Hier wird auf gestiegene Schöpferkraft gesetzt. Auch bei diesem Kredit wird der Zins nicht aus dem Kredit erklärt, sondern aus dem Herrschaftsprinzip, insofern sich jemand ohne Gegenleistung an der höheren Produktivität beteiligt. Die Herrschaftsgesellschaft ist eine Gesellschaft der raschen Produktvitätssteigerung, die ohne Kredit nicht möglich ist. Zugleich ist die Herrschaftsgesellschaft nicht ohne Zins möglich, weil der Zins das Geld ist, mit dem der Herrscher seine Herrschaft bezahlt. Im Zusammenspiel von Kredit und Zins äußert sich das Zusammenspiel von Herrschaftsgesellschaft und Produktivitätssteigerung. Eine herrschaftslose Produktivitätssteigerung ist eben so wenig möglich wie eine zinslose Kreditwirtschaft. Die Gründe für beide sind verschieden. Was sie verbindet ist die maschinelle Technik. Sie fallen beide in die Zeit des maschinellen technischen Typs.
Der Zins ist eine Abgabe, die der Kreditnehmer erbringen muss. Er ist ein Tribut zur Erhaltung der Herrschaftsgesellschaft. Der Zins ist es, nicht die Steuern und Abgaben, der vor allem die Herrschaftsgesellschaft in Bewegung hält und reproduziert. Daher konnte die Idee des zinslosen Kredits auch nicht in der Herrschaftsgesellschaft Fuß fassen. Sie blieb eine historische Floskel. Der Zins treibt den Kreditnehmer an, sich nach dem „besten“ Geldanbieter umzusehen, ohne zu fragen, woher das Geld kommt, ob es akkumuliertes oder neu geschöpftes Geld ist. Der Kredit darf dagegen nicht aus dem Herrschafsprinzip abgeleitet werden. Er ist ein Ausdruck der steigenden Produktivkraft der Gesellschaft. Diese Unterscheidung ist wichtig, um differenziert vorzugehen.
Der Kreditnehmer will den Zins möglichst klein halten, der Kreditgeber dagegen groß. Er nutzt den Staat, um sein Kreditgeschäft möglichst profitabel zu machen. Das war auch der Sinn der Bankenrettung in der Krise zu Beginn des neuen Jahrtausends. Für den Bürger ist diese Zinsnahme nicht erquicklich, weil sie ihn um einen Teil seiner wertschaffenden Tätigkeit bringt und der Zinsnehmende über werthaltiges Geld zur Sicherung seiner Herrschaft verfügt. Er verkonsumiert dieses Geld bei weitem nicht nur individuell, sondern „schmiert“ damit die ganze Gesellschaft, damit sie nach seinem Willen läuft. Diese Willkür ist heute zu einer Gefahr geworden, weil die Zinsmengen zwar immer größer werden, aber der Bedarf zur Funktionserhaltung des ganzen Getriebes, Staat und Gesellschaft, schneller wächst. Die Unersättlichkeit der Herrschenden hat diesen objektiven Grund. Im Unterschied zu früher, als den Herrschenden die ganze Welt zur Ausplünderung zur Verfügung stand, schränkt sich dieser Handlungsspielraum mehr und mehr ein. Obwohl sie mit der Globalisierung dieser Beschränkung entgegen wirken wollen, müssen sie sich mehr und mehr auf ihre eigenen Völker zurück ziehen. Das Zinsnehmen ist ein Anachronismus, nicht zuerst wegen seiner Amoralität, sondern wegen des technischen Fortschritts, der unaufhaltsam den Widerstand gegen die Herrschaft vergrößert.
Die von der realen Produktion losgelöste Rolle des Zinses wurde schon frühzeitig angeprangert. Philosophen und Religionsstifter verurteilten das Zinsnehmen. Dennoch konnten sie es nicht verhindern, ebenso wenig wurde der Krieg verhindert. Das Zinsnehmen war ein gesellschaftlich adäquates Verhalten. Ohne Zinsnahme wäre die Zivilisation nicht möglich gewesen. Und umgekehrt, ohne Beseitigung der Zinsnahme ist ein Wandel in einen höheren gesellschaftlichen Zustand nicht zu erreichen.
Der Zins ist abzuschaffen, nicht aber der Kredit. Unter Ware-Geld-Beziehungen ist der Kredit eine Voraussetzung zu gesellschaftlichen Leistungssteigerung. Das gelingt aber nur, wenn das Kreditwesen in die Hände des Staates gelegt wird. Der Staat vergibt den zinslosen Kredit. Selbst eine Bearbeitungsgebühr als versteckter Zins ist nicht erforderlich, weil der Staat seine Unterhaltungskosten durch die Steuern abdeckt. Der Staat gibt den zinslosen Kredit an Unternehmer aus, nach Prüfung der gesellschaftlichen Bedürftigkeit, nicht nach Prüfung der Bonität. Wenn die gesellschaftliche Bedürftigkeit nach dem neuen Produkt bzw. der neuen Leistung gegeben ist, dann ist der Unternehmer auch kreditwürdig. Die Kreditvergabe wird durch den Zweck bestimmt und durch die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft.
Das Geld für diesen Kredit wird nicht dem Zirkulationsprozess entzogen, sondern neu geschöpft. Wenn ein Produzent ein neues Produkt, im Sinne von Erweiterung des Marktes, auf den Markt bringen will, dann muss ein entsprechendes Geldäquivalent vorhanden sein. In dem Masse wie neue zusätzliche Werte geschaffen werden, in dem Masse muss auch die Geldmenge vergrößert werden, sonst funktioniert der Austausch nicht. Der Staat hat dafür zu sorgen, dass immer soviel Geld da ist, dass der Tausch reibungslos vonstatten gehen kann. Das ist eine der Grundaufgaben des Staates.
Mit dem Kredit wird eine Geldmenge auf den Markt gebracht, die durch Arbeit aufgewertet wird. Der Unternehmer erhält den Kredit und bezahlt damit die gesamten Leistungen. Somit wird aus Kreditgeld Tauschgeld. Der Markt weitet sich um die Menge des Kredits aus. Das ist die bekannte Wirkung, dass Investitionen die Wirtschaft beleben und zu einer Wertvergrößerung führen. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die kreditfinanzierte Anlage fertig gestellt ist, ist das Kreditgeld vollständig werthaltig und wer es entgegennimmt, der muss ein wertäquivalentes Tauschprodukt bieten. Die Menge der Warenwerte hat sich entsprechend der Kredithöhe vergrößert. Dabei wird vorausgesetzt, dass die durch den Kredit finanzierte Arbeit wirklich wertbildend ist. Das ist der Fall, wenn die geleistete Arbeit bedürfnisgerecht ist. Und hier wird deutlich, dass die Spontaneität ein großes Problem darstellt, insofern eine unter ihrer Regie erfolgte kreditfinanzierte Arbeit eben auch eine große Fehlleistung sein kann, was zur Folge hat, dass die Wertbildung ausbleibt. Je massenhafter solche Fehlleistungen sind, desto störender wirken sie auf den gesamten Reproduktionsprozeß, da dann die Allgemeinheit dafür aufkommen muss. Die Spontaneität ist also ein Hindernis bei der Auf-wertung des Kreditgeldes.
Der Kredit bleibt im Markt. Er wird nicht mehr aus ihm herausgezogen. Er muss nicht mehr zurückgezahlt werden. Besteht der Kredit aus neu geschöpftem Geld, dann besteht kein Grund zur Rückzahlung. Ein Grund für einen Rückzahlung liegt nur vor, wenn es sich um akkumuliertes Geld handelt. Aber der Besitzer von akkumuliertem Geld denkt bekanntlich nicht im Traum daran, das Geld denen zurückzugeben, denen er es zuvor abgenommen hat. Schon damit wird deutlich, welch großer Unterschied zwischen dem bisherigen und dem künftigen Kredit besteht. Der Kredit verliert seinen Schuldcharakter. Der Kreditnehmer ist nicht mehr an den Kreditgeber gekettet. Der Zins als Tribut der Knechtschaft entfällt.
Der Kredit ist eine Form der Geldzufuhr. Diese Menge darf nie größer sein, als die Fähigkeit der Menschen, sie in werthaltiges Geld zu wandeln. Zwischen Kredithöhe und Schöpferkraft besteht ein direkter Zusammenhang. Andererseits haben wir die Geldabschöpfung des Staates durch Wertverlust. Die Geldabschöpfung darf nie die Kreditzuführung übersteigen. Diese Verhältnisse sind bei der Steuerung der Geldmenge zu beachten.
Der Kredit ist ein Stimulans, insofern er potentielle Bedürfnisse aktiviert. Aber er schafft diese Bedürfnisse nicht. Das Verlangen, über mehr Geld zu verfügen, resultiert aus den erweiterten subjektiven Kräfte. Jedes Individuum, das in eine bestimmte Situation hineingeboren wird, hat auf Grund seiner Besonderheit in sich die Potenz zur Krafterweiterung. Es drängt auf spezifische Bedürfnisbefriedigung und regt somit zur Erweiterung der Produktivkraft an.
Der Kredit ist ein Vorgriff auf Wachstum. Wird der Kredit erfolgreich realisiert, dann ist die Gesellschaft um die Größe des Kredits reicher geworden. Der einmalige Vorschuss führt zu einer dauerhaften Hebung des Wertvolumens. Diese Neubestimmung des Kredits ist der Hauptinhalt der Reform der Finanzwirtschaft. Dem Unternehmer fällt es zu, diesen Vorgang in Gang zu setzen, aus dem Kredit einen reale Leistungserweiterung zu organisieren. Der Kredit ist ein Mittel, um die Realwirtschaft für die Erfüllung ihrer neuen Aufgabe fit zu machen. In der Herrschaftsgesellschaft steht der Zins über dem Kredit, er begrenzt und deformiert seine befreiende Wirkung. Der Wegfall des Zinses ist für den realwirtschaftlichen Unternehmer eine Erleichterung, eine Befreiung von der finanzkapitalistischen Bevormundung. Er wird auf neue Weise begrenzt.
Bei der Kreditvergabe steht die gesellschaftliche Bedürftigkeit nach dem neuen Produkt oder der neuen Dienstleistung im Vordergrund. Die Kreditvergabe obliegt also nicht mehr den Banken, sondern einer neu zu schaffenden gesellschaftlichen Institution, die ohne den bisherigen Bankmanager auskommt. An die Stelle der Profitorientierung bei der Kreditvergabe tritt die Technikfolgenabschätzung, wozu auch gehört, welcher Wertzuwachs absehbar ist.
Aus den Darlegungen wird ersichtlich, dass der Auffassung, wirtschaftliches Wachstum sei schädlich, entschieden widersprochen werden muss. Die das behaupten, gehen von dem Gegebenen aus, das als Fortsetzung zum Untergang führt. Das ist zwar richtig, bloß unterliegen sie dem Irrtum, dass sie das Kind mit dem Bade ausschütten. In einer Gesellschaft, die sich des Geldes bedient, geht es nicht ohne Kredit. Und dass die zukünftige Gesellschaft nicht auf das Geld verzichten kann, das hängt mit der freien Individualität zusammen. Für eine Gesellschaft, die dem Individuum maximalen Spielraum einräumen muss, weil sie infolge der Technik nicht anders existieren kann, ist eine optimale Konsumtion nur über das Geld zu erreichen. Das Geld spielt eine zentrale Rolle.bei der gesellschaftlichen Organisation. Eine Überflussgesellschaft, wie sie Marx mit dem Kommunismus voraussagte, ist ein Widerspruch in sich, denn wie soll die Gesellschaft Überfluss erzeugen, wenn sie nicht die individuellen Interessen kennt? Eine solche Gesellschaft müsste einfach ins Blaue hinein produzieren. Die künftige Gesellschaft kann nicht auf einen Endzustand hinstreben, eben infolge der Individuen. Die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit ist ein Dauerzustand. Immer wird die Realität verbesserungswürdig sein, weil die Subjekte als Individuen geboren werden. Nicht das Erreichen eines Endzieles ist erstrebenswert, sondern der Weg, auf dem die Diskrepanz überwunden wird - und sich neu bildet. Mehr ist nicht zu machen.
Wachstum in der Zivilisation ist anthroprozentrisch ausgerichtet. Der Mensch beherrscht seine Umwelt bis zu dem Punkt, wo er Opfer seiner selbst wird. Mit dem neuen Gegenstand seiner Tätigkeit werden neue Anforderungen an ihn gestellt. Der erste Schritt sollte sein, dass er die Abnahme der Vielfalt beendet. Noch immer schwindet die Zahl der Pflanzen- und Tierarten. Der zweite Schritt sollte sein, dass er das Vernichtete wieder reproduziert. Nichts ist absolut verloren, sondern irgendwo abgespeichert. Wir sind nur nicht in der Lage, diese gespeicherten Informationen zu finden bzw. zu entziffern. Deshalb sind sie für uns nicht verfügbar. Das wird sich ändern mit dem Fortschritt der Reproduktionstechnik. Nach einer Zeit der Abnahme der Vielfalt unserer Lebenswelt kommt eine Zeit der Zunahme. Die Reproduktion der biologischen Umwelt für den Menschen führt ihn immer tiefer in die natürliche Welt.
Es ist unsinnig, dem Kapitalismus oder dem Sozialismus das Wort reden. Die künftige Gesellschaft wird eher ein von allen Individuen paritätisch gesteuertes System sein. Auch unter Verhältnissen, unter denen das ästhetische Bewusstsein als Harmoniebewusstsein eine dominierende Rolle spielt, bleibt die logische Abstraktion die entscheidende und verläßlichste Orientierung, da sie frei von Vorstellung und Emotionalität ist. Alle Visionen haben etwas Irreführendes an sich, denn sie sind Vorbildungen aus dem jeweilig gegenwärtigen Stand. Die wirkliche Bewegung ist daher Überwindung der Vision. Die abstrakte Linie überdauert.