aus Ihren Äußerungen entnehme ich, dass Sie im Streit zwischen Rechts und Links heute eine reale politische Auseinandersetzung sehen und eine stärkere Hinwendung zu linken Vorstellungen konstatieren. Dem möchte ich widersprechen. Die Mehrheit der Bürger hält von diesem Konflikt nichts. Er hat, als er noch ernsthaft ausgetragen wurde, zu nichts Vernünftigem geführt und ist heute nur noch eine politische Hülse, die den Bürger im Innersten kalt läßt. Der Bürger sieht das wirklich bedrückende Problem in der Fianz- und Wirtschaftskrise, deren Auswirkungen immer spürbarer werden und der mit Rechts-Links-Parolen nicht beizukommen ist. Diese Strassenszenen zum 1. Mai waren nichts weiter als eine Form der Ablenkung von der wirklichen Bedrohung - im Gegensatz zu Frankreich, wo es um die Krisenpolitik der Regierung ging.
Gibt es zu dieser wirklichen Bedrohung eine Alternative? Die Systemphilosophen sagen "Nein" und behaupten, dass die Bürger mehrheitlich auch gar keine wollen, weil es sich selbst unter den Krisenbedingungen noch recht gut leben läßt. Und wenn heute die Menschen Angst vor der Zukunft haben, dann liege das an ihnen, weil sie die alten Mentalitäten nicht abgelegt hätten. Sie müssten lernen, sagen sie, sich mit weniger zu begnügen, ja, mit viel weniger. Sie beschwören ihnen asketische Lebensweisen, um die Zukunft zu überstehen. Nun, wir können sicher sein, dass derartige Appelle nicht die erhoffte Resonanz finden werden. Die Bürger werden nach einer anderen Alternative suchen.
Und in dieser Situation muss man leider feststellen, dass der Sozialismus als Ausweg wieder ins Spiel gebracht wird und zwar als nationaler, internaternationaler, christlicher, demokratischer usw. Sozialismus. Das mag auf den ersten Blick ertaunlich sein, aber schaut man genauer hin, dann stellt man fest, dass es sich hier nicht um ein begründetes Zukunfstbewusstsein handelt, gewissermassen um eine Verarbeitung alles bisherigen Wissens und aller praktischen Erfahrungen, sondern lediglich um sentimentale Ergüsse. Wer heute den Bürgern solche "Visionen" anbietet, handelt verantwortungslos, denn eine Utopie ist kein gutes und gleich gar nicht ein notwendiges Bewusstsein. Es ist überhaupt nicht nachvollziehbar, dass der Weg in die Zukunft mit einem falschen Bewusstsein beschritten werden kann.
Der Kapitalismus steht wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise nicht vor dem Zusammenbruch. Wer das behauptet und eine Tabula rasa fordert, ist ein Phantast, ein gefährlicher Phantast. Je größer die Illusion, desto tiefer die Enttäuschung. Der Grund der Ohnmacht liegt in uns selbst. Die Freiheit über den Wolken ist nur eine Illusion. Fragen wir, worin das größte praktische Hindernis der Gegenwart besteht, so gibt es unseres Erachtens nur eine Antwort: Es ist das internationale Finanzsystem, das die gesamte Realwirtschaft deformiert und zerstört. Dieses ist parasitär, desorientierend und vor allem überflüssig. Dieses ist der Krankheitsherd, der in die gesamte Gesellschaft hineinwirkt. Ihm muss man sich zuwenden und es Zug um Zug abstreifen. Um so verwunderlicher ist der Eifer der regierenden Politiker, dieses Finanzsystem in den alten Zustand zurückzuversetzen, indem sie ihm vor allem frisches aber wertloses Geld in großen Mengen zuführen.Es geht auch nicht darum, dieses internationale Finanzsystem transparent zu machen und besser zu regeln, sondern, es wird überhaupt nicht gebraucht
Freiheit und Verschuldung passen nicht zueinander. Es muss endlich von der Regierung ein Konzept auf den Tisch, wie wir uns aus der Schuldenfalle befreien können.
Es muss ein Weg gefunden werden, der nicht zu Lasten der Bürger geht. Der Bürger, der nie gefragt wurde, ob der Staat Schulden aufnehmen soll oder nicht, kann nicht per se für diese Schulden haften. Die endgültige Antwort kann nach einem Schuldenmoratorium nur in einer Volksabstimmung gefunden werden.
Die Bürger für eine solche Reform des Kapitalismus zu mobilisieren, ist schwerer, als ihnen mit sozialistischen Phantastereien falsche Orientierung zu geben. Andererseits gibt es keine wirklichen Reformen ohne aktive Mitwirkung der Bürger. Jeder, der sich heute an die Öffentlichkeit wendet, muss sich klar darüber sein, was er in der Endkonsequenz bewirkt. Und diese ist unabhängig davon, was er beabsichtigt.
Verlassen wir uns endlich auf unseren Verstand und nicht auf Absichten und Wünsche.
Mit freiheitlichen Grüßen