Haltet den Dieb!

Nokia – erst absahnen – dann abhauen



Das profitable Nokia Werk in NRW  wird nach Rumänien verlagert. Die Menschen, die bei Nokia in NRW arbeiten, werden vermutlich bald erwerbslos sein. Der EU-Kommissionspräsident Barroso sagte dazu laut Deutschlandfunkmeldung v. 16. Januar 2008, wenn eine Verlagerung des Nokia Werkes von Skandinavien nach Deutschland möglich gewesen sei, müsse auch eine Verlagerung des Werkes nach Rumänien möglich sein.

Aha. Wir wissen jetzt , wessen  Interessen der EU Präsident 

Vertritt und damit die gesamte EU – Organisation , nämlich die der Industrie. Die Menschen in Deutschland , Skandinavien oder anderswo in Europa interessieren ihn und seinesgleichen nicht – wenn es um Geld geht , bei Wahlen aber schon.  Von Interesse in den Chefetagen der EU sind nicht die Menschen Europas, sondern eine kleine Gruppe – eine Minderheit, die selbstverständlich nach EU-Recht Minderheitenschutz genießt  - von Industriellen, Bankern und deren Manager. Die sind nicht mal ein Prozent der Bevölkerung Europas, die Armen. Oh, und wie sie leiden, diese verfolgte Minderheit ! Sie leiden an Kurseinbrüchen und schwindenden Gewinnspannen und unter dem Dogma der herrschenden Wirtschaftstheorie von Adam Smith und seinem Herausgeber und Werbefachmann Say.

Was heute als Say’ s Gesetz bekannt ist, besagt folgendes: die Produktion von Gütern durch eine Wirtschaft produziert automatisch die Fähigkeit der Gesellschaft, diese Güter auch zu erwerben, weil die Einnahmen aus den Verkäufen umgehend als Kaufkraft wieder in den Markt recycled werden. Auf diese Weise würde sich Wohlstand immer aus der Stimulierung der Güterproduktion  einstellen.

 

Indem Say annahm, dass die Produzenten umgehend das Geld, das sie für ihre Waren und Dienstleistungen erhalten, wieder ausgeben, übersah er eine Schlüssel-Tatsache kapitalistischer Mikroökonomie: die des Sparens; die des Zurückhaltens, des Zurücklegens von Geldeinnahmen. Für eine Industriefirma im Zeitalter kontinuierlicher technologischer Innovation ist es eine Lebenstatsache, dass sie Geld zurück halten muss, um es später für technische Innovationen ( und damit ihre Konkurrenzfähigkeit) auszugeben. Sogar wenn das gesparte Geld bei einer Bank deponiert ist, bedeutet das nicht automatisch, dass es wieder zu dem Zweck ausgegeben wird. Der Grund ist, wie der moderne Ökonom Michael Hudson nachwies, dass dieses gesparte Geld ( die Bankguthaben)  eher für den Erwerb von (Land-)Besitz ausgegeben wird als für Kapitalinvestitionen. Letzteres wird, im Gegensatz zur Güterproduktion, von Kapitalmärkten durchgeführt, die ein völlig andere Quelle der Finanzierung sind als der normale Bankkredit.

 

Say’ s Gesetz eignete sich tatsächlich besser zur Beschreibung mittelalterlicher Dorfmärkte, von denen es in Europa zu der Zeit Say’ s  noch mehr gab als die Märkte der modernen Industrie. Aber es hielt stand und  bestand fort, weil es ein Ziel erreicht, dass die Verfechter des Kapitalismus verfolgen: die Regierungen aus den kapitalistischen Märkten völlig heraus zu halten, mit der Ausnahme, dass sie Polizeischutz für die sich erhebenden Geldmächte  liefern.

Lesen Sie dazu auch meinen Aufsatz: „Die schreckliche Wissenschaft: Ökonomie – wie der Kapitalismus wurde, was er ist“, hier:

http://www.cluster1.eu/oekonomie%20die%20schreckliche%20wissenschaft.htm 

 

Rumänien hat für die „Erschließung von Industriegebieten“ von der EU Geld erhalten. Die EU behauptet, Nokia habe keine Gelder zur Produktionsverlagerung nach Rumänien erhalten. Aber das Rumänien ohne diese EU Gelder nicht in der Lage gewesen wäre, Nokia ein „gutes Angebot“ zu machen, dürfte auch dem EU Präsidenten klar sein. Also hat die EU trotz gegenteiliger Aussage die Verlagerung des Standortes gefördert. Deutschland ist ein Netto-Zahler der EU; d.h. wir Steuerzahler zahlen mehr an die EU-Orgs als wir von ihnen erhalten.

Der CDU Ministerpräsident von NRW, Rüttgers, ist in den Medien bemüht, den Eindruck von Handlungsfähigkeit zu erwecken. Heute, 16.1.08,  will er mit der Belegschaft von Nokia reden. Hoffentlich sagt er den Menschen auch, dass er bei der aktuellen Rechtslage völlig hilflos ist, den Menschen bei Nokia irgendeine Zukunftsperspektive außer der Erwerbslosigkeit zu bieten.

Diese Rechtslage wurde von den juristischen Tricksern der etablierten Parteien geschaffen, um den Interessen der Großindustrie zu dienen. Bestenfalls „glaubt“  man dort  immer noch – wie religiöse Eiferer, die sich auch nicht von Tatsachen beeindrucken lassen  – an Adam Smith’ s und Say’ s Pseudo-Wirtschaftswissenschaft, die einen Automatismus behauptet, der so gar nicht existiert und nie existiert hat, er lautet: Wohlstand würde sich immer aus der Stimulierung der Güterproduktion  einstellen. Heute sagt man dazu: Wirtschaftswachstum.  

Nun wissen wir in Europa seit mehr als 100 Jahren, dass dem keineswegs so ist. Auch in den USA und Kanada, überhaupt auf der ganzen Welt , wo Menschen unter diesem falschen „Gesetz“ leiden, hat man diesen Fehler der „klassischen“ Frei-Markt-Ökonomie erkannt. Zumindest dort, wo Menschen noch selber denken und nicht denken lassen in Consulting Firmen, Banketagen und Wirtschaftsinstituten.

Es ist eine Tragödie, was hier mit den Menschen gemacht wird. Denn es ist nicht die Natur, die uns hier mit Katastrophen überfällt; es ist auch nicht das Versagen der Mitarbeiter von Nokia, das zu diesem Unglück führt;  es ist kein gottgegebenes Schicksal, dass Unternehmen von den Regierenden gefördert werden und nicht die Bevölkerung. Es ist vielmehr eine Tragödie, weil viele Menschen bereits vor dieser Entwicklung, wie bei Nokia, aber auch bei Siemens, bei BEN-Q et al gewarnt haben – aber niemand auf sie hören wollte.

Und so wird es weiter gehen, wenn man diese Eiferer weiter machen lässt oder sie nicht zur Besinnung kommen. Das Besinnen aber steht – vor dem Hintergrund der letzten 100 Jahre europäischer Wirtschaftsgeschichte, in der sich fast alle Parteien dem Wirtschaftswachstum verschrieben haben  -  nicht zu hoffen.

Was wird Herr MP Rüttgers den Menschen sagen? Dass er bemüht sein wird, eine Auffanggesellschaft zu schaffen, an der sich Nokia beteiligt? Das haben die längst in ihrer Kalkulation, das wurde längst in die Preise der Produkte berechnet. Was aber kann eine sogenannte Auffanggesellschaft – oder wie das Ding sonst heißen mag - leisten? Arbeitsplätze schaffen ? Den Menschen eine vernünftige Zukunftsperspektive mit gut bezahlter Arbeit geben? Das wohl nicht.

Die mündigen Staatsbürger Deutschlands, die auf Erwerbsarbeit angewiesen sind, werden sich ihre Zukunftsperspektive wohl oder übel selber schaffen müssen. Dabei sollten sie beachten, an wen sie sich zwecks Hilfe wenden. Können denn die, die für die juristische Lage verantwortlich sind, die den Politikern angeblich die Hände bindet , für eine Zukunftsperspektive sorgen, die es erlaubt, seine Familie angemessen zu versorgen ? Kann man mit guter Hoffnung  den Bock zum Gärtner machen?     

Oder kann man sagen: „Ok. Die klassische Frei-Markt-Ideologie funktioniert nicht, sie ist falsch. Deshalb organisieren wir die Volkswirtschaft jetzt anders, nämlich sozialverantwortlich und menschengerecht. Gesetze, die dabei stören, schaffen wir ab.  Wir schaffen auch  ein neues Gesetz, das allen Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen (oder eine Nationale Dividende am Produktivitätszuwachs )  garantiert.“  ?

Besser wär ’ s.   

Klaus Jaeger; 16.01.2008