Nachträgliche Gedanken zum „Tag der Deutschen Einheit“


Am 03.10.89 ging Deutschland mit diesem Datum in die Weltgeschichte ein, auf Grund seiner Wiedervereinigung zweier Zustände, die aus der Perversion des 2. Weltkrieges hervorgegangen waren.

Nach 18 Jahren ist es den regierenden Parteien nicht gelungen, in dem verbleibenden einen Zustand die territoriale und menschliche Vereinigung - Sozialisierung - des früher Getrennten auf demokratische Weise zu vollziehen.

Aber nach welchen Normen hätte sich eine solche Sozialisierung überhaupt vollziehen können? Die herrschenden Politiker sagten damals: nach den im Grundgesetz festgelegten Normen. Doch waren diese dafür wirklich geeignet? Wenn man die Ergebnisse seitdem betrachtet, sind Zweifel berechtigt. Waren sich die Väter des Grundgesetzes dessen nicht auch schon bewusst, da sie ja eine Verfassung vorsahen, „die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist“(Artikel 146)? Nach dem Wegfall der innerdeutschen grenze war der Weg dafür frei. Doch missachteten die Politiker damals diesen Auftrag und diese Chance, was zur Folge hatte, dass an die Stelle der Sozialisation der vormals getrennten Teile nur eine Überstülpung des einen über den anderen Teil erfolgte. Die Väter des Grundgesetzes sahen offensichtlich voraus, dass eine Vereinigung - Sozialisation - auf dem Boden des Grundgesetzes nicht möglich war, weshalb hätten sie sonst eine vom ganzen Volke frei beschlossene Verfassung gefordert? Sie sahen wohl den Unterschied zwischen Grundgesetz und Verfassung, deshalb gaben sie den Künftigen diesen Auftrag, aber die herrschenden Politiker schlugen diesen in den Wind und haben damit eine schwere Schuld auf sich geladen. Nicht neues Leben ist seitdem erwacht, sondern Siechtum breitet sich aus.

An die Stelle einer Sozialisation auf der Grundlage einer neuen Verfassung trat eine zwanghafte Bindung mit zunehmend diktatorischen Zügen. 1989 standen wir am Scheidewege, aber wir wurden in eine falsche Richtung gelockt und gedrängt. Auch die Verführung ist ein Mittel des Zwanges, dessen wahrer Zweck zunächst verborgen bleibt, der aber später umso ungeschminkter zutage tritt. Das Übel begann 1989, als die Wende nur für einen Teil beschränkt gedacht wurde, als man sich der Vernunft verschloss, durch eine neue Verfassung die Grundlagen für eine gesamtdeutsche Erneuerung zu legen.

Arnd Stockmann