Essay von Klaus Jaeger
„Wider die Gesellschaftsmaschine,
wider das neoliberale Paradigma,
wider den feudalen statischen Schöpfungsmythos -
für einen dynamischen, selbstorganisierten, kreativen, freiheitlichen Weltprozess“
von
Klaus Jäger
Unter Verwendung von Zitaten aus:
Kalikapurana [indischer Volksmythos], Horaz [Episteln], Heinrich Zimmer [Abenteuer und Fahrten der Seele], Michael Montaigne [Essays] und der Chaostheorie [Chaos und Ordnung; Formen der Selbstorganisation in Natur und Gesellschaft; Reclam Verlag, Leipzig, 1996; Herausgeber: Günter Küppers, Mitglied des Vorstandes des Instituts für Wissenschaft und Technikforschung der Universität Bielefeld]
Einführung
Gibt es eigentlich noch Worte für das Empfinden, das von vielen Mitmenschen in Deutschland geteilt wird? Wenn ich mit Verkäuferinnen, Handwerkern, Selbstständigen, erwerbslosen Menschen, Intellektuellen, allein Erziehenden, Erzieherinnen, Monteuren, Taxifahrern, Wirten, Kollegen und Nachbarn rede, artikulieren diese Menschen ihre Gefühle zu den herrschenden Verhältnissen. Diese Gefühle heißen:
EKEL
ABSCHEU
ÜBERDRUSS.
Diese Gefühle speisen sich aus der Unfähigkeit der herrschenden Klasse, die Probleme, die sie selber hervor brachten, zu lösen im Interesse der vitalen Bedürfnisse der Bevölkerungsmehrheit und im Einklang mit dem Gewissen. Als Konsequenz bringen die o. gen. Gefühle vorwiegend zwei Reaktionen hervor: Auflehnung und Abwendung.
Zusammenhang: Weltgefühl und Weltbild
Die tief empfundene Unzufriedenheit mit den Verhältnissen steht durchaus in Zusammenhang mit dem, was uns als Weltbild vermittelt wird in Schule und Universität, in den Medien und den Kirchen. Dieses Weltbild wurde beschrieben als mechanistisch - reduktionistisches Weltbild. Das bedeutet: das Universum, das in seiner Ganzheit das Leben ist, wird von den Vertretern dieses statischen Weltbildes betrachtet als eine Art Maschine im leeren Raum, die sich mittels der Newtonschen Mechanikgesetze komplett berechnen läßt, wenn man nur die Lage und Masse der Körper im Raum kennt. Der französische Physiker Laplace ging so weit, zu behaupten, die Physiker könnten Ursprung und Ende des Universums berechnen, wenn sie nur genug Daten hätten. Man stelle sich vor: damit meinte er auch die Evolution von Lebewesen, die Entwicklung von Kulturen und Zivilisationen, von Individuen und sozialen Gruppen. Er beanspruchte damit für sein Weltbild nichts weniger als völlige Kontrolle über die Schöpfung – göttliche Macht also. Zugute kam ihm und seinesgleichen, dass ihre mechanischen Formeln innerhalb definierter Rahmenbedingungen auch funktionierten. Isaac Newtons Formeln, die er in seinem epochalen Werk „Prinzipia mathematica“ im Jahre 1687 veröffentlichte, ermöglichten den Bau von Brücken, Eisenbahnen, Hochhäusern, Flugzeugen und so weiter, - mithin die mathematischen Grundlagen zur Errichtung der industriell und bürgerlich geprägten Gesellschaft.
Allerdings würde Isaac Newton, so vermute ich, sich wohl selber gegen die Zumutung, seine Mathematik könnte das Universum in seiner Gesamtheit berechnen, Anfang und Ende bestimmen und alle Lebensäußerungen voraussagen, wehren. Schrieb er doch in seinem o. gen. Werk: „Diese bewunderungswürdige Einrichtung der Sonne, der Planeten und Kometen hat nur aus dem Ratschluss und der Herrschaft eines allmächtigen und allwissenden Wesens hervor gehen können.“
Der christlich – institutionalisierte Schöpfungsmythos
Der Schöpfungsmythos des institutionalisierten Christentums sagt uns folgendes: Gott machte die Welt. Nach sechs Tagen war das Ding fertig. Der Mensch kommt nur als Störfaktor vor, der aus dem geschaffenen Paradies vertrieben wird von einem rachsüchtigen Gott. Entwicklung findet nicht statt. Gott ringt sich nach einer Phase der Rachsucht dazu durch, den Menschen noch mal eine Chance zu geben, in seiner perfekten Schöpfung zu leben. Aber Überraschungen gibt es nicht. Der institutionalisierte christliche Schöpfungsmythos ist ein „vorgefaßter Plan, ein vollendeter Tatbestand, der als perpetuum mobile ewig weiterläuft“ (Heinrich Zimmer). In dieses mechanische Räderwerk hat sich der Mensch einzufügen. Und Gott hat sich, nachdem das Werk vollbracht war, zurück gezogen, - aber Adam langweilte sich, Eva dann mit ihm, dann kam die Schlange – aber in wie weit war die Schlange eigentlich von Gott vorgesehen? Jedenfalls war Gott ziemlich sauer und zerstörte alles, um sich dann später wieder zu gleichem Tun aufzuraffen. Das ist eine Endlosschleife, ein sich in Ewigkeit wiederholendes, unfreies System.
Tja, - wie langweilig, wie unangemessen, wie entwürdigend, wie unfrei, wie reproduzierend und unkreativ das doch ist. Und wie unsolidarisch Gott da mit seiner eigenen Schöpfung verfährt….
Indiens Schöpfungsmythos
Wie anders doch der Schöpfungsmythos der indo-europäischen Völker, der uns in alten Dokumenten überliefert ist, z.B. im „Kalikapurana“, 1892 in Bombay veröffentlicht und – merkwürdigerweise – bis heute von westlichen Gelehrten kaum wahrgenommen. Der Titel ist abgeleitet von Kali, Indiens erhabener Manifestation der Muttergöttin. Das Wort purana bedeutet: alte Lehren und Erzählungen aus undenklichen Zeiten. Ich kann hier unmöglich alles daraus zitieren, als Quelle sei der geneigten Leserschaft unter anderem das Werk „Fahrten und Abenteuer der Seele“ von Heinrich Zimmer empfohlen, das antiquarisch erhältlich ist.
Ich erlaube mir hier, aus dem Werk zu zitieren. Hier fasst Heinrich Zimmer seine Studien des o. gen. indischen Schöpfungsmythos folgendermaßen zusammen:
„Die unwillkürliche Schöpfung [der Welt, des Universums] ist nach vorn, in die Zukunft offen. Sie lebt aus ihren eigenen Überraschungen, anstelle ein nach vorgefasstem Plan vollendeter Tatbestand zu sein, der als Perpetuum Mobile nach innewohnenden Gesetzen weiterliefe. Die Schöpfung ist ein Prozess, der in immer neuen Ansätzen den ganzen Bestand der Welt durchzieht und begleitet; Schöpfung und Bestand sind nicht zwei verschiedene Phasen, die jede ihren eigenen Stil hätten. Die sinnende Bemühung des Anfangs, die Überraschung, die dazwischen fährt, und die sinngebende Erkenntnis, die das Unwillkürliche ins Spiel verwebt, indem sie ihm seinen Ort anweist, sind Stilelemente des ganzen Weltlaufs, des Bestandes, der dauernde Schöpfung ist. In jedem Paar, das unter den Pfeilen des Liebesgottes sich findet, hebt die „dauernde Schöpfung der Welt“ von neuem an – davon ist den Liebenden für Augenblicke so feierlich, so innig und todernst zu Mute, - in allem fortrollendem Bestande pulst der ewige Anfang.“ (Zitiert aus „Abenteuer und Fahrten der Seele“; Heinrich Zimmer, Seite 269, 1. Auflage, Eugen Diederichs Verlag 1977.)
Zum neuen Weltbild als Weltprozess
Der Kosmos als Uhrwerk, als zwar komplizierte, aber dennoch berechenbare und ausschließlich rechnende Maschine, das ist das Weltmodell, der Bausatz zum Universum sozusagen, das den Menschen heutzutage auch noch vermittelt wird. Allerdings wird dieses Weltbild bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts so nicht mehr von führenden Physikern geteilt. Newtons Entdeckungen sind als Spezialfall in das größere Ganze, das neue Weltbild – als dynamischer Weltprozess der Quantenphysik und der Chaostheorie integriert.
Das Verständnis der Chaostheorie – wobei es sich NICHT um den Ablauf wahlloser, ungeordneter Prozesse handelt, wie das Wort „Chaos“ suggerieren könnte - , das Verständnis der Chaostheorie vom Leben und vom Universum geht weit über das Weltmodell des Uhrwerks hinaus. WARUM? Weil die Chaostheorie ein offenes, lebendiges System beschreibt, ein dynamisches, für neue Entwicklungen offenes, sich wandelndes System von ineinander greifenden, rückkoppelnden, selbstorganisierten Lebensprozessen, die unvorhersehbare Entwicklungen nehmen können und irreversibel sind. Irreversibel? Heißt: Unumkehrbar, nicht mehr in den alten Zustand zu versetzen.
Die Physiker und Entdecker der neu gewonnen Erkenntnisse über das Leben und das Universum .- wobei man auch denken kann : das Universum ist das Leben – betrachten also nicht mehr ein Modell, sondern einen PROZESS, DER SICH IN DER ZEIT ABSPIELT UND ERGEBNISOFFEN IST UND IN DEM SELBST KLEINSTE LEBEWESEN GROSSE WIRKUNGEN ERZIELEN KÖNNEN.
Überraschende Wendungen
Das kennen wir eigentlich alle: der Schneeball, der die Lawine auslöst; der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt; der Schmetterling am Amazonas, der mit seinem Flügelschlag einen Wirbelsturm auslösen kann; der Virus, der um die Erde wandert; die kleinen Bazillen, die große Leute umwerfen können; kleine Spermien und Eier, die neue Lebewesen miterschaffen; Gedankenblitze, die urplötzlich Problemlösungen manifestieren; usw. usf.
Überall in unserer Lebenserfahrung treffen wir auf dieses Prinzip der Natur. Auch im Märchen – ein heutzutage absolut unterschätzter Literaturschatz des Volkes – findet dieses Wissen seinen Niederschlag: es ist ein einzelnes Kind, das in dem Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ den anwesenden Erwachsenen die Augen öffnet, indem es die offensichtliche Wahrheit ausspricht.
Das Märchen als Literaturgattung mit seinen überraschenden Wendungen der Handlung, findet, auf die politische Ebene übertragen, seinen Widerhall in den historischen Prozessen, die wir in der Vergangenheit beobachten konnten: der Mauerfall 1989, die Auflösung des so genannten Ostblocks, der – relativ – friedliche Untergang der Sowjetunion als Gesellschaftsform, die friedlichen Revolutionen in Polen, der Tschechei und so weiter. Diese Entwicklungen hat kaum jemand der politisch Verantwortlichen im Westen vorher gesehen oder auch nur vorher sehen wollen.
Vielleicht, weil man geistig fixiert war - und ist - auf ein statisches Weltbild? Weil man die Gesellschaft begreift als riesige Maschine, an deren „Stellschrauben des Systems“, wie es die neoliberalen Politiker nennen, man nur ein wenig herumschrauben müsse, um Optimierungen zu erzielen, wie es die Mechaniker der Gesellschaft uns immer wieder weismachen wollen? Aber es gibt keine „Maschine“. Das ist eine Illusion, die nichts mehr taugt. Und daher auch das tief empfundene Gefühl der Unzufriedenheit. Denn in einer Maschine sind wir alle nur „Rädchen im Getriebe“, keine Menschen mit Gefühl und Gewissen, mit Geist.
Aber das sind wir Menschen: lebendige Wesen, begabt mit Geist und Kreativität, mit angeborenem Gewissen. Mit der Möglichkeit uns zu entwickeln.
Es gibt zweifellos mehr zwischen Himmel und Erde (das wußte auch J. W. Goethe), als die Schulweisheit und die Schulmediziner sich träumen lassen - soweit die Schulmediziner überhaupt noch träumen. Die Ignoranz der Schul- und Apparatemedizin gegenüber den seelisch-geistigen Bedingungen von Krankheit und Gesundheit und ihre Art und Weise der Betrachtung des lebendigen Menschen als Maschine, an der man hier und da einige Reparaturen vornehmen kann, damit die „Maschine“ wieder „rund“ läuft und innerhalb des „Systems der Produktion überflüssiger Güter“ wieder funktionieren kann, soll uns hier nicht weiter interessieren.
Allerdings soll hier betont werden, daß die Betrachtung des Menschen als Maschine in einem maschinenartigen Universum, einem „Uhrwerk“, das mit der immer gleichen Präzision und also immer gleich funktioniert – dass dieses Weltbild schon längst überholt ist und auf den Müllhaufen der Geschichte gehört (na gut, in’ s Museum). Die Chaostheorie hat das alte, reduktionistisch-mechanistische Weltbild, als allein selig machendes Weltmodell, widerlegt und ein neues Weltmodell entwickelt, das überhaupt kein „Modell“ mehr ist, sondern ein höchst komplexer Meta-Mega-Supraprozess, ein Gewimmel und Gewusel von Lebensprozessen, ineinander verkoppelter, rückbezüglicher, selbstorganisierender Vorgänge innerhalb beseelter, lebendiger Natur.
Die Chaostheorie sagt auch, daß es irreversible, d.h. unumkehrbare Prozesse und Entwicklungen des Lebens gibt. Eine Maschine läßt sich häufig wieder reparieren oder neu bauen, das Leben aber nicht. (Hallo Genetiker! Auch Ihr werdet das nicht bringen.) Damit entspricht die Chaostheorie viel mehr dem unmittelbaren Erleben des Lebens und seiner Hervorbringungen als es das „Weltmodell“ des „Kosmos als Maschine“ kann. Zum Beispiel wissen wir alle: eine verwelkte Blume blüht nicht wieder. Ein Toter steht nicht mehr auf. Es gibt eben unumkehrbare Entwicklungen.
Selbstverständlich geht die verwelkte Pflanze wieder als Nährstoff in die Umwelt ein, aber ihr Dasein als Blüte ist unwiderruflich dahin.
Dies schlichte Beispiel mag hier genügen.
Ignoranz der Macht
Der Weltprozess der Chaostheorie ist die zur Zeit fortgeschrittenste wissenschaftliche Metatheorie des Lebens und seiner Vorgänge überhaupt und hat mit einem „Uhrwerk“ oder einer Maschine überhaupt nichts mehr zu tun, wie es bereits seit Jahrzehnten bekannt ist.
Desto ignoranter ist es, wenn von vielen Verantwortlichen immer noch der Eindruck erweckt wird, man müsste nur an einigen „Stellschrauben des Systems“ (man denke hier an Systeme wie Sozialversicherungen, medizinische Versorgung, Verkehrssysteme, Verwaltungssysteme, politische Systeme oder Währungssysteme – und alle im Supersystem der kapitalistischen Ideologie, das sich aus vielen anderen Systemen zusammensetzt) drehen, um das „Ding“ wieder zum laufen zu bringen. Wer so redet, entlarvt sich selbst als weder auf der Höhe der Zeit, noch als lernfähig und menschenfreundlich. Aus der Geschichte Galileo Galileis, Martin Luthers und anderer Neuerer wissen wir aber, wie die etablierte Macht mit Neuem , das ihr Weltbild gefährdet, umgeht…
Persönliches und Allgemeines, verwoben im Leben
Ich erinnere mich gut daran, wie es war, als ich entdeckte, daß das Universum keine Maschine ist, die sich in einem kalten, letztlich bis ins Kleinste berechenbaren leeren Raum dreht, wie es mir und Dir die konservativen Physiker, Wirtschaftswissenschaftler und sonstigen altbackenen Pseudospezialisten weismachen wollen. Groß war meine Freude, als ich meine eigenen Annahmen und Theorien über das Leben in all seinen Erscheinungsformen durch die Chaostheorie bestätigt fand.
Es sind FREIHEIT, VIELFALT und INDIVIDUALITÄT als Fundamentalbedingungen von der Natur (oder Gott) in die Lebensprozesse unauflöslich integriert. Noch mal mit anderen Worten: FREIHEIT, VIELFALT und INDIVIDUALITÄT sind dem Leben inne wohnende Eigenschaften, ohne die das Leben überhaupt nicht denkbar oder möglich wäre. Deshalb werden sie sich auch immer wieder durchsetzen. Gleichzeitig sind GEMEINSCHAFT, HEIMAT (als klimatische, landschaftliche, kulturelle und soziale Umweltbedingungen) und ABHÄNGIGKEIT vom Leben anderer (in der Familie, im Stamm, in der Gesellschaft) als ontologische, existenzielle, weil die Existenz sichernde Qualitäten den Lebewesen immanent. Selbst Pflanzen bilden Verbände, Gruppen, Familien; auch Tiere und selbstverständlich der Mensch. Dies ist natürlich.
Es gibt Parallelen und Berührungsfelder der Chaostheorie mit dem Hinduismus, dem Taoismus, dem Buddhismus, aber auch mit Aussagen christlicher Mystiker über das Wesen Gottes und des Lebens. Dazu kann man auch (noch) in den öffentlichen Büchereien Literatur finden. Oder man kann durch Naturbeobachtung selber Erfahrungen sammeln.
Lebe Dein Wissen
Michael de Montaigne ist durchaus der Meinung, dass das Wissen, das der „Zögling“, bzw. überhaupt der Mensch, sich aneignet aus Erkenntnis, wichtiger ist als seine Quelle, wenn nur die Erkenntnis, die Vernunft gelebt wird. Und zu der muss man sich „ermannen“, wie bereits Horaz bemerkt:
„Ermanne dich und beginne weise zu sein! Wer die Stunde verschiebt, sich selbst zu bessern, gleicht jenem Toren, welcher steht und harrt, bis der Fluß versiegt, der Jahrhunderte noch in seinem Bette fließen wird.“ [Horaz, Epist. II, 1, 40]
Ich will mich auch verbessern, ich will weiser leben als zuvor, denn die Weisheit ist ein Quell der Heiterkeit. Und heiter zu leben, erscheint mir sehr erstrebenswert. Dies unter den gegebenen Umständen, dies in der mir gegebenen Zeit. Zeit und Umstände, darauf hat niemand bei seiner Geburt Einfluß. Und haben wir denn später darauf Einfluß? Das hängt von wiederum weiteren Umständen ab, wie persönlicher Kraft, Gesundheit, Begabung, Tugenden, von Reichtum, Ruhm, Freundschaften, politischer und wirtschaftlicher Macht.
Vergaß ich wichtige Kriterien zu erwähnen? Nun, dann füge der Leser sie hinzu, entwickle er selber. Denn das muss jede Generation tun. Immer wieder. Die Kultur kann innerhalb von einer Generation abstürzen in die Barbarei, wie nicht nur die blutige Geschichte des Nationalsozialismus beweist, sondern die gesamte Geschichte Westeuropas seit der Antike, - oder die Kultur kann aufsteigen in eine zivilisierte Gesellschaft, wo der Einzelne individuell sein kann, sich entwickeln kann und nützlich in der Gemeinschaft lebt; wo alle Menschen ihren Platz haben und fühlbar, sichtbar, wahrnehmbar teilhaben am Leben der Gesellschaft.
Voraussetzung für den Aufstieg der Kultur ist die Zufriedenheit der Menschen, geleitet durch eine weise Führung. Die Epoche der Renaissance in Westeuropa ist hierfür ein gelebtes und nachprüfbares Vorbild. Die Staatenlenker dieser fruchtbaren Zeit Europas ließen sich beraten von Philosophen und von Künstlern.
Ohne unsere eigenen Mühen um unsere Zivilisation wird diese vergehen. -und eine neue wird sich erheben. Aber wie wird die gegenwärtige Form der Zivilisation ohne unsere Mühen untergehen? In Volksaufständen? Bürgerkriegen? Weltkrieg Nr. 3 und Nr. 4 und Nr. 5? Durch Vandalismus und eine implodierende, weil durch Profitstreben zerstörte Sozialordnung, die immer mehr verzweifelte Menschen hervor bringt?
Oder gelingt es uns, die gegenwärtige Gesellschaft Deutschlands zu transformieren - ohne Blutvergießen, ohne Gewalt? Das ist unseren Mitmenschen und uns selbst zu wünschen; diese Transformation wird auch gelingen mit der Kraft, die uns eine feste Überzeugung verleiht; mit dem festen Willen zur Tat; mit dem bewußten Streben nach der Macht zur Gestaltung der Gesellschaft; und schließlich mit der Vereinigung der Kräfte. Die Geschichte der Freiheitskämpfe Europas beweist: der bewussten Anstrengung eines ganzen Volkes konnte und kann sich kein Unterdrücker erfolgreich entgegen stellen.
Den Göttern die Dank, dass es die engagierten deutschen Menschenfreunde gibt, und die solidarisch organisierten Verbände und Vereine, Interessengemeinschaften und Parteien auf lokaler und regionaler Ebene, die sich mittels moderner Technologie vernetzt haben auf nationale und globale Ebene; die das Gemeinschaftsleben regulieren wollen in kontinuierlicher Absprache miteinander und gewissenhaft der Einhaltung der Menschenrechte verpflichtet sind. Diese Voraussetzung ist bereits gegeben und durch die weitere Entwicklung der Einheit der Bewegung, und des gemeinsamen Zieles kann eine neue deutsche Gesellschaft entstehen: Sozial gerecht, freiheitlich, ökologisch und ökonomisch vernünftig und sicherer für alle von uns - und unsere Nachkommen. Eine neue deutsche Gesellschaft wird dann entstehen, in der kein einziger Mensch überflüssig ist, sondern jeder Mensch kostbar.
Ich möchte mit einem geflügelten Wort schließen, das diese mögliche Zukunft beschreibt:
Einer für alle - und alle für einen.
Ermannen wir uns.
Klaus Jäger