Essay v. Klaus Jaeger
Es ist im öffentlichen Raum von der Politik, der Wirtschaft, Vertretern des Bildungssystems und in den Medien immer wieder zu hören, die deutsche Gesellschaft unserer Epoche wäre eine Leistungsgesellschaft. Dem ist nicht so, wie ich hier darlegen werde, ohne die heutzutage so beliebten und manipulierbaren rankings, Zahlen oder Statistiken zu bemühen; allerdings werde ich einige Zitate liefern, die meine These stützen.
Die persönliche Leistung des Einzelnen alleine, unter welchen Umständen sie auch immer zu Stande gekommen ist, zählt nichts in dieser tugendlosen Gesellschaft, - falls die Leistung nicht auch Erfolg im finanziellen Sinne generiert. Die persönliche Anstrengung eines Menschen ist irrelevant für die tugendlose, die machiavellistische Konkurrenzgesellschaft geworden. Dies belegt auch die Kritik am deutschen Bildungswesen des UN-Ermittlers Vernon Munoz, der hier vor kurzem eklatante Verletzungen der Menschenrechte feststellte.
Deshalb ist die heutige, neudeutsche, pseudo-multikulturelle, „offene“ Gesellschaft barbarischer zu nennen als frühere Gesellschaften, in der noch, durch den Einzelmenschen zu übende, Tugenden wie Weisheit, Mäßigung, Sachwissen, Achtung der Menschenwürde und der Menschenfreiheit, Verantwortungsgefühl, Tatkraft, Engagement, Mut, eigene Anstrengung, Kreativität und Wahrheitsliebe, Rechtschaffenheit, Ausdauer, Ertragenkönnen und Gemeinsinn zur Achtung des Individuums durch andere Menschen führten und so dem Einzelmenschen sozialen Aufstieg und ein menschenwürdiges Leben ermöglichten. Wir können hier auch mit einem Wort von Charakterstärke sprechen.
„Als die vier klassischen Grundtugenden (Kardinaltugenden) gelten Klugheit (Weisheit), Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung.“ (zitiert aus wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Tugend )
Es ist ein rationaler Widerspruch und eine Gedankenlosigkeit, wenn wir heute im gleichen Atemzug von einer Mediendemokratie sprechen und einer Leistungsgesellschaft, von der Dienstleistungsgesellschaft und der Wissensgesellschaft. Alleine die Existenz der Vielzahl dieser Gesellschaftsbegriffe macht uns anschaulich, in welcher Verwirrung sich die veröffentlichte Meinung befindet. Dass niemand von einer Erfolgsgesellschaft spricht, obwohl wir täglich erleben, dass es allein der finanzielle Erfolg ist, der in Deutschland noch Beachtung findet, sollte uns Anlass zu denken und zu handeln geben. Wir leben in der machiavellistischen Erfolgsgesellschaft neudeutscher, postmoderner Prägung .
Das zeigen uns alleine schon die halbstündlich verbreiteten Meldungen in Staatsendern über die so genannten „Bewegungen“ der Aktienkurse und das Verhalten der „Börsianer“ – das entweder, im Kauderwelsch der Börsenspezialisten und Analysten, „freundlich tendiert“ oder „unfreundlich“. Man höre sich einmal die „Meldungen“ und das fachchinesische Geplapper der Analysten an. Im Grunde steckt nichts anderes dahinter als, im besten Falle, psychologische Wirtschafts-Kriegsführung, oder im schlechtesten, normalen Fall, nichts substantielleres als Weissagungen aus dem Kaffeesatz. Früher nannte man das Aberglauben.
Doch wollen wir uns nicht alleine mit den Profiteuren von der Schwäche der politischen Führungsschicht beschäftigen, sondern mit letzterer selbst.
Bismarck sagte 1881 im Deutschen Reichstag: „Die Politik ist keine Wissenschaft, wie viele der berühmten Herren Professoren sich einbilden, sie ist eben eine Kunst.“[1]
Ob er damit wohl die Selbstdarstellungskunst unserer heutigen Politakteure meinte? Sicherlich nicht. Bei Bismarcks Kunstbegriff geht es wohl eher darum, ein Kunstwerk herzustellen – Musik, ein Bild, eine Plastik, ein Gedicht - oder gar befriedigende soziale Verhältnisse für das Volk.
Diese Gesellschaft aber leistet sich eine so genannte Elite, die man beinahe durchweg als tugendlose Selbstdarsteller bezeichnen kann, die zwar über Ausdauer verfügen, aber nicht im Sinne des Gemeinwohls oder der oben genannten Tugenden, sondern beinahe ausschließlich im eigenen Karriereinteresse.
Jürgen Leinemann schreibt in seinem zitierten Buch „Höhenrausch“: „ Aber anders als professionelle Mimen spielen Politiker nicht Rollen in einem Stück, das andere geschrieben und wieder andere für sie inszeniert haben, Politiker müssen sich und ihre Inhalte selbst inszenieren – und zwar paradoxerweise so, dass beim Publikum statt einer gelungenen schauspielerischen Leistung ein Eindruck von Authentizität ankommt.“
Und woher wissen diese Politiker, dass ein „Eindruck von Authentizität“ bei uns ankommt? Antwort: Von den Meinungsforschern, die sie selber bezahlen und den Medien, in deren Aufsichtsgremien selber Politiker sitzen und über Programminhalte entscheiden, und aus den Medien, die ihrer Partei seit „alters her“ verbunden sind. Da können wir dann fragen: „Wie glaubwürdig ist eine Meinungsumfrage eigentlich?“ Und wie repräsentativ für die Stimmung im Volk ist eine Wahl, an der nur knapp die Hälfte der Bevölkerung teilnimmt, wie bei der letzten Bundestagswahl ?
Könnte es nicht sein, dass die Meinungsforscher den Politikern genau das liefern , was sie gerne hören wollen, damit sie auch weitere Aufträge erhalten? Welche Leistung erbringen sie dann eigentlich? Eine Gefälligkeitsleistung, die aber der Ernsthaftigkeit, die erforderlich ist angesichts des politischen „Jobs“, nämlich der Gestaltung der sozialen Bedingungen für Millionen Menschen, nicht gerecht wird.
Doch die Erörterung des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Medien, Meinungsforschern und Politikern, erfordert einen eigenen Aufsatz, deshalb zurück zum Thema.
Die deutsche Gesellschaft sei eine Leistungsgesellschaft, eine Dienstleistungs-, gar eine Wissensgesellschaft, hörten wir. Wenn dem so wäre, würden zum Beispiel Menschen, die über Sachwissen verfügen, geschätzt und in verantwortungsvolle Positionen gelangen können. Tatsächlich aber machen wir, wie auch Jürgen Leinemann schreibt, einen Typus von Politikern auf fast allen politischen Ebenen aus, der nicht geprägt ist von Wissen – ganz zu schweigen von Weisheit – sondern von Eitelkeit, Ehrgeiz und Geltungsdrang.
Wir erinnern uns – um nur ein Beispiel zu nennen - an die Klagedrohung des Ex-Kanzlers Schröder gegen jene, die behaupteten, er färbe sich die Haare. Warum konnte der Mann nicht dazu stehen, dass er sich offensichtlich die Haare färbe oder färben ließ? Aus Eitelkeit.
Aber Leidenschaft, Verantwortungsgefühl, und Augenmaß oder Inhalte, die über die Erfolgsmaximierung der Wirtschaft hinausgehen, suchte man bei Herrn Ex-Kanzler Schröder und seiner Politik der Agenda 2010 vergeblich.
Und wir suchen diese Tugenden auch vergeblich beim amtierenden Politspitzenpersonal der großen Koalition – auch hier regieren profitmaximierende Erfolgssucht, Eitelkeit, Ehrgeiz und Geltungssucht. Dass die meisten Menschen unseres Volkes gar nicht über die Möglichkeiten verfügen, irgendwelche Gewinne zu maximieren, sich ihre Arbeit, Geschäftsfelder oder Lebensumstände auszusuchen, - kurzum: das Bedingungen, unter denen Menschen gezwungen sind zu leben, verschieden sind von denen der begüterten Unternehmerschaft, das kommt den Damen und Herren aus der großen Koalition – aber auch aus ihrer stillen Reserve aus Grünen, FDP und Linkspartei gar nicht in den Sinn. Vielleicht, weil sie zu beschäftigt damit sind, für sich selber zu sorgen und im Konkurrenzkampf innerhalb der eigenen Partei Nebenbuhler zu verdrängen. Dass die Interessen des Volkes bei diesem Konkurrenzkampf überhaupt nicht mehr
berücksichtigt werden, sondern nur – gelegentlich - noch in neoliberalen Sprechblasen im Medienzirkus auf- und abtauchen, wundert uns nicht.
Was uns wundern machen sollte und Anlass sein zu selbstkritischem In-sich-gehen, sind die Tatsachen, dass es mittlerweile trotz der Verachtung, die den herrschenden Politikern entgegenschlägt, trotz der seit Jahren sinkenden Wahlbeteiligung, trotz den Parteiaustritten, trotz der steigenden Kinderarmut und trotz der Massenarbeitslosigkeit, trotz der Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, die Ausmaße wie zu Zeiten der Weimarer Republik annimmt, noch keine geeinte, professionell organisierte, demokratische Opposition gibt.
Die Verantwortung für die herrschenden Missstände kann nicht einfach von den Politikern abgewälzt werden – oder sie sollen klipp und klar erklären, machtlos zu sein. Dann aber brauchen wir keine Wahlen mehr und könnten die Bundesregierung auch privatisieren.
Aber diese üble und würdelose Situation der deutschen Gesellschaft zu Beginn des Dritten Jahrtausends n. Chr. kann sich ändern, wenn wir uns wieder der Tugenden besinnen.
Friedrich Schiller schrieb hellsichtig bereits über seine und die nach ihm folgende Epoche: „Der Nutzen ist das große Idol der Zeit, dem alle Kräfte fronen und alle Talente hudligen sollen. Auf dieser groben Waage hat das geistige Verdienst der Kunst kein Gewicht, und, aller Aufmerksamkeit beraubt, verschwindet sie von dem lärmenden Markt des Jahrhunderts.“
("Über die ästhetische Erziehung des Menschen")
Hier gibt uns Friedrich Schiller auch einen Hinweis darauf, wie das gesellschaftliche Ungleichgewicht wieder in Harmonie zu bringen wäre.
Die Tugenden des freien Bürgers bestehen auch in der Bereitschaft, für sich selber UND das Gemeinwesen Verantwortung zu übernehmen oder sie sich zurück zu holen. Das kostet aber eigene Anstrengung und Augenmaß – die Freiheit, unser höchstes Gut, ist nicht ohne Anstrengung zu erreichen.
Klaus Jäger; 2. September 2007 ; www.cluster1.eu
[1] Quelle: Jürgen Leinemann; Höhenrausch – Die wirklichkeitsleere Welt der Politiker; Karl Blessing Verlag 2004