Der Zweck der Ökonomie


„Die ungeschminkte Wahrheit in der Klimaschutzpolitik ist doch, dass kein Land bereit sein wird, seine Wirtschaft zu opfern, um die Klimaprobleme zu lösen.“ (Tony Blair, ehemals britischer Premierminister) Wenn er umgekehrt gesagt hätte, dass kein Land seine Wirtschaft retten kann, wenn nicht die Klimaprobleme gelöst werden, hätte sein Abgang von der politischen Bühne noch einen Erinnerungswert bekommen. Aber zu einer solchen Geisteswende ist kein Politiker der heute führenden Wirtschaftsmächte fähig, sondern allen ist gemeinsam, in den Klimaproblemen einen lästigen Begleitumstand zu sehen.
Warum fällt es ihnen schwer, sich zu dieser Einsicht zu bekennen? Woher rührt die Scheu? Der Grund dafür liegt in der gleichen Absicht. Für alle ist die Natur mit ihren lebenden und unbelebten Ressourcen eine Quelle, die man begierig ausbeuten muss, um möglichst große Vorteile daraus zu ziehen. Das Verhältnis zu den natürlichen Reichtümern ist bei allen Staaten rein egoistisch. Die Widersprüche zwischen den Staaten und Wirtschaftsunternehmen liegen nicht in unterschiedlichen Bezügen zur Natur begründet, sondern in der Konkurrenz untereinander, weshalb die Konkurrenz auch zu keiner Änderung ihres Bezuges zur Natur führen kann. Und je mehr diese Quellen knapper und unzugänglicher werden, um so schärfer wird der Konkurrenzkampf. Es leuchtet ein, dass diese Aneignungsweise der Natur keine Perspektive hat, weil irgendwann die Vorräte erschöpft sind. Am Ende gibt es nur Verlierer. Ob hochentwickelte Industrienationen oder Schwellenländer, sie haben alle die gleiche Einstellung zu den Naturressourcen, sie greifen alle, so gut sie es können, mit beiden Händen in die natürlichen Reichtümer. Insofern ist der UNO-Bericht über die Klimaveränderung für sie alle ein Ärgernis. Die widerstrebende Haltung resultiert bei den fortgeschrittenen Industriestaaten daraus, dass sie um den Vorsprung bangen und bei den Schwellenländern daraus, dass sie befürchten, ihre schnelle Aufholjagd könnte darunter leiden. Jeder Aufwand, der für naturschonende Zwecke ausgegeben wird, schmälert den wirtschaftlichen Ertrag. So sehen sie es alle. Darin sind sich alle einig. Es ist wie beim Kartenspiel, keiner will den Schwarzen Peter haben. Nur die einen haben bessere Karten als die anderen, weil sie einen wirtschaftlich-technischen und militärischen Vorsprung haben. Gespielt wird überall nach den gleichen Regeln, trotz aller weißen Westen Geschreis und aller Beteuerungen, so dass die Umrisse der Naturkatastrophe immer deutlicher hervor treten. Die Erde ist zu klein für diese Art des Wirtschaftens, weshalb die stärksten Länder sich schon auf außerirdisches Terrain orientieren und dabei die irdische Bestimmung des Menschen ignorieren. Nur die Kritiker dieses Raubbaus sehen in dem UNO-Bericht einen Lichtschweif am Horizont, das Flammenzeichen des nahenden Endes dieser räuberischen Gesellschaft.

Nun kann man angesichts des Wohlstandsunterschiedes von den sogenannten Schwellenländern nicht erwarten, dass sie ihr Tempo zurückschrauben. Der Druck der Menschen auf die Verbesserung der Lebensbedingungen nimmt zu. Wenn die betreffenden Staaten diesem Druck nicht nachgeben würden, hätte das zur Folge, dass sich in diesen Ländern ein destruktives Potential entwickeln würde, das auch die hochentwickelten Ländern zerstören würde. Generell gilt: Die Hebung des materiellen und kulturellen Lebensstandards ist eine Voraussetzung für die Erhaltung des menschlichen Lebens auf der Erde, in den entwickelten Industriestaaten und im besonderen in den aufholenden Schwellen- und Entwicklungsländern. Von dieser Maxime darf nicht abgegangen werden, weil sonst die natürliche Funktion des Menschen nicht gewährleistet ist. Es ist eben ein Fehler, wenn eine Regierung erklärt, unabhängig davon, ob sie daran glaubt oder nicht, durch Sozialabbau die Gesellschaft sanieren zu wollen. Das Problem sind nicht die Schwellenländer, von den ärmsten Entwicklungsländern ganz zu schweigen, das Problem sind die führenden Industrieländer. Auf sie entfällt der Löwenanteil der Naturzerstörung, infolge ihres profitgesteuerten Konsums und ihrer gewaltigen Kriegsaufwendungen. Sie verfügen zugleich über die materiell-technischen und geistigen Voraussetzungen für qualitative Veränderungen. Die Behebung des Problems kann nur so erfolgen, dass die fortgeschrittensten Länder einen technologischen Umbau vornehmen, mit der Zielrichtung, die Naturaneignung grundlegend neu zu ordnen. Letzteres ist ausschlaggebend. Unter den heutigen Bedingungen bedeutet das, ressourcensparende Technologien zu entwickeln, die nicht nur zu einer relativen Verminderung des Ressourcenverbrauchs führen, sondern absolut weniger stoffliche und energetische Ressourcen benötigen. Angesichts der heutigen enormen Ressourcenverschwendung ist diese Aufgabe auch relativ leicht zu lösen. Mit einer relativen Senkung des Ressourcenverbrauchs kann die aufkommende Naturkatastrophe nicht verhindert, bestenfalls verlangsamt werden. Aber selbst das ist noch unwahrscheinlich, weil die Menge der Konsumtionsangebote auch infolge der wachsenden Erdbevölkerung zunimmt. Das Verhältnis zwischen technologischem Stand – ökologischem Gleichgewicht – Bevölkerungszahl muss austaxiert werden., unter Einbeziehung aller Erdbewohner.

Nur wenn es zu einer absoluten Senkung des Ressourcenverbrauchs kommt, können wir von einem zeitgemäßen qualitativen technologischen Umbau sprechen. Ein solcher ist eine gewaltige geistige und finanzielle Herausforderung. Die energetischen und materiellen Aufwände für Güter und Dienstleitungen müssen zu einer Entlastung der Biosphäre führen. Solange die biologische Vielfalt durch den Menschen beeinträchtigt wird, ist der technische Fortschritt nicht zu akzeptieren. Das heißt, es müssen andere Wege gegangen werden. Auf dem Gebiet der Energiewirtschaft bedeutet das, sich vor allem auf die Energieeffizienz zu konzentrieren. Solange die Zielfestlegung nach politischen und wirtschaftlichen Interessen erfolgt und nicht nach natürlich-biologischen Erfordernissen, so wie das von den EU-Ländern und anderen führenden Industrienationen gehandhabt wird, solange erhalten wir kein realistisches Bild, das uns Aufschluss gibt über das ganze Ausmaß der Unfähigkeit der Gesellschaft, über die große Diskrepanz zwischen der notwendigen Aufgabe und der ökologischen Augenwischerei, die dann noch gönnerhaft als politische Vernunft verkauft wird.

Der Mensch ist also auch künftig nicht zum Stillstand verurteilt. Mehr denn je muss er sein kreatives Vermögen ins Spiel bringen, will er ein Leben in Wohlstand führen. Zur Pflicht der entwickelten Industrienationen gehört es, dass sie Leistungen erbringen, die bestimmte negative Wirkungen der Schwellenländer kompensieren. Auch diese müssen an dem technologischen Umbau teilnehmen, aber sie können ihn auf Grund fehlender Voraussetzungen nicht in gleichem Maße betreiben, wie die hochentwickelten Industriestaaten. Die bestehenden technologischen Unterschiede müssen überwunden werden, indem sie nicht einfach technisch wiederholen, sondern an der modernen Technologie teilhaben. Das geht aber nur durch Kooperation. Konkurrenz- und Blockdenken, bei dem die fortgeschrittenen Länder in den aufholenden künftige Konkurrenten sehen, ist schädlich. Diese aufsteigenden Länder sind keine Gefahr, keine Herausforderrungen der Globalisierung, denen wir uns stellen müssen, sondern Bedingung gemeinsamer Problemlösung. Die Erhaltung der Biosphäre ist eine gemeinsame Aufgabe aller Staaten, die nicht im Gegeneinander erreicht werden kann. Die Organisation des menschlichen Lebens bedarf einer weltumspannenden Einflussnahme auf alle demographischen, wirtschaftlich-technischen und ressourcenverbrauchenden Prozesse, bedarf der Führung des Welthaushalts durch alle Beteiligten. Der wirkliche Aufwand ist nur feststellbar, wenn die neue Zielsetzung der menschlichen Tätigkeit zur Grundlage gemacht wird. Nur weil heute nicht die gesamten Reproduktionskosten zugrunde gelegt werden, erscheint es so, als könnte tatsächlich ein Kilo brasilianischer Äpfel mit einem Kilo deutscher Äpfel in Deutschland konkurrieren. In dem Augenblick, wo die gesamten Reproduktionskosten eingerechnet werden, wird die Unsinnigkeit eines solchen Vergleichs offensichtlich. Grenzenlos ist nur der Informationsaustausch - auf Grund seiner Immaterialität. Aber dort, wo energetische und stoffliche Ressourcen verbraucht werden, sieht es anders aus. Dann stellt sich heraus, dass der Transport eben nicht nur auf den unmittelbaren Aufwand reduziert werden darf. Der Grundsatz sollte lauten: ausgetauscht wird nur, was selbst nicht hergestellt werden kann und was zur Sinnerfüllung des Lebens unerlässlich ist. Für einen richtig geführten Welthaushalt ist die profitorientierte Globalisierung nicht geeignet, da sie nach viel zu engen Kriterien ausgerichtet ist, deren Durchsetzung letztendlich politisch-militärisch erzwungen wird.

Der Ansatz der Lösung liegt im Aufbau einer sich optimierenden pyramidalen Wirtschaftsordnung der ineinander greifenden menschlichen und natürlichen Kreisläufe. Der privat-egoistischen Globalisierung ist also ein anderes Wirtschafts- und Sozialkonzept entgegen zu stellen: Schaffung pyramidal sozialökologischer Bewertungseinheiten, bei denen der Gesamtaufwand, der Aufwand für die gesellschaftliche und natürliche Reproduktion, als Kostenfaktor sichtbar gemacht wird und damit die ganze Effizienz menschlicher Tätigkeit. Wir brauchen ein Global-Kosten-Denken, welches spekulativer Vorteilshascherei einen Riegel vorschiebt. Der Globalisierung als Heuschreckenzug steht die Globalisierung menschlicher Tätigkeit entgegen, die menschliche und natürliche Reproduktion als einen Zweck verfolgt. Ein durch sie ausgewiesener Gewinn drückt einen anderen Nutzeffekt aus als heute. Eine Betrachtungsweise, die den gesamten Aufwand der natürlich-gesellschaftlichen Reproduktion beinhaltet, würde die Ineffizienz des heutigen Wirtschaftens sofort ans Tageslicht bringen. Aber genau das will der Neoliberalismus verhindern durch immer wildere private Anarchie und Abwälzung von Kosten auf die „öffentliche Hand“, die dann als Gewinne in den Kassen der Konzerne klingeln.

Der UNO-Klima-Bericht hat die Menschen berührt. Und obwohl neue Schlagzeilen in den Medien dominieren, die düsteren Voraussagen haben sich in den Hirnen der Menschen festgesetzt. Diese erwarten nun, dass die Regierenden mit Gegenmaßnahmen reagieren. Aber mitnichten. Allen Versuchen, die drohende Naturkatastrophe herunter zu spielen, muss entschieden entgegengetreten werden. Wir müssen vielmehr dieses Phänomen als den entscheidenden Grund für einen Epochenwandel ansehen und darauf hinweisen, dass alle heutigen Maßnahmen nicht hinreichend sind, dass also das System mit dem Epochenwandel überfordert ist. Alles Vertrauen, diese Aufgabe bei Beibehaltung des System zu lösen, verschlimmert nur die Gefahren. Der drohende Naturkollaps wird damit zum entscheidenden Punkt der politischen Auseinandersetzung. Aus ihr leitet sich die schicksalhafte Forderung nach gesellschaftlicher Erneuerung ab. Damit erreicht die Systemkritik die größtmögliche demokratische Bandbreite, denn der Naturkatastrophe könnte niemand entgehen. Hierin liegt eine neue Begründung für die demokratische Opposition und ihre internationale Verflechtung.

Die Erhaltung des natürlichen Gleichgewichts ist eine demokratische Forderung, weil in ihr dem Lebensbedürfnis aller Menschen entsprochen wird, der gegenwärtigen und der künftigen. Ihre Einhaltung ist nur möglich durch Schaffung politischer Strukturen, bei denen jeder dieses sein Interesse vertreten kann. Sowenig im wirtschaftlichen Bereich das Privatinteresse des einzelnen das Gesamtinteresse wahrnehmen kann, so wenig ist im politischen Bereich dieses Interesse durch Herrschaft des einen über den anderen zu realisieren. Die Überwindung des Herrschaftsprinzips in der Gesellschaft und die Durchsetzung einer neuen wirtschaftlichen Zielsetzung sind also deckungsgleich. Die demokratische Erneuerung kann nicht gelingen, wenn nicht gleichzeitig eine wirtschaftliche Umorientierung erfolgt. Aber ebenso gilt, dass die wirtschaftliche Umorientierung ohne die entsprechende politische Umgestaltung nicht gelingen kann. Hier liegt der Grund dafür, dass die soziale Marktwirtschaft in der BRD nur eine Einbildung war und heute als Etikettenschwindel fortlebt. Insofern erzwingt die drohende Naturkatastrophe die politische Umwälzung. Der Protest gegen die heutige Globalisierung muss zum politischen Widerstand organisiert werden, der sich gegen die politische Führung in jedem einzelnen Lande richtet. Auf Appelle an die Vernunft und pathetische Forderungen nach sozialer Gerechtigkeit reagieren die Machthabenden mit immer neuen Winkelzügen. Nirgends sind sie zu wirklichen Korrekturen bereit. Deshalb müssen die Dinge auf den Punkt gebracht werden.

Unter Anspielung auf nationale Eitelkeiten reden die deutschen Politiker gern von der größeren Rolle Deutschlands im internationalen Geschehen. Sie erhoffen sich dadurch von den Bürgern mehr Unterstützung bei der Durchsetzung ihrer sub-hegemonialen politisch-militärischen Aktionen. Diese Verantwortung Deutschlands stimmt, aber in ganz anderem Sinne, in dem Sinne nämlich, dass unser Land Vorreiter sein sollte bei der weltgeschichtlichen Umorientierung. Die Hindernisse, die unserer nationalen Befreiung bisher entgegen standen, werden überwindbar. Die weltpolitischen Veränderungen begünstigen innenpolitische Veränderungen. uns. Es naht der Zeitpunkt, an dem erneut gehandelt werden muss, diesmal im unverfälschten nationalen Interesse, das immer auch ein weltgeschichtliches und internationales Interesse ist und daher der Sympathie der anderen Völker sicher sein kann.

Bei aller sozialen Zerrüttung, die man gegenwärtig in Deutschland und den anderen europäischen Ländern feststellen kann, steckt in ihnen dennoch eine große angestaute schöpferische Energie, die eine enorme Dynamik auslösen könnte und damit von großer Ausstrahlungskraft auf die ganze Welt wäre. Es geht nicht darum, sich als Modell für andere aufzuspielen, aber Impulsgeber für die Suche nach dem Ausweg aus der Menschheitskrise können und müssen wir sein. Dieses Vermögen resultiert aus der europäischen Geschichte, aus einer über Jahrhunderte währenden europäischen Vormachtstellung und Aneignung materieller und geistiger Reichtümer anderer Völker. Aber infolge dieses Geschichtsverlaufs ist es auch ein Vermächtnis, das wir einzulösen haben. Kein Volk kann sich seinen geschichtlichen Standort aussuchen. Aber jedes kann ihn erkennen und entsprechend handeln. Was die Völker heute voneinander vor allem erwarten, ist die Teilnahme an der Neugestaltung des Zusammenlebens.
Und in der Hinsicht ist von Deutschland bisher wenig gekommen.


J. Hertrampf