Globalisierungskritische Demonstrationen und alkoholisierte Ausschreitungen in Rostock anlässlich des G8 Gipfeltreffens
Kommentar von Klaus Jaeger
Die durch die Ausschreitungen verletzten Menschen bedauere ich und versichere ihnen meine Anteilnahme, egal, auf welcher Seite sie stehen. Wunden schmerzen, egal, ob man Polizist oder Demonstrant ist. Es ist bedauerlich, dass hier Menschen sich Kämpfe liefern, die im Grunde gleiche Interessen haben: ein befriedigendes, ein sicheres und freies Leben zu führen. Diesem Ziel stehen aber weder die Polizisten noch die Demonstranten im Wege. Es sind vielmehr die, die sich hinter Stacheldraht und – mitten im Frieden! - militärisch anmutenden Sicherheitsmassnahmen verstecken und die altbekannte und sture Politik eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums und Marktliberalismus verfolgen, dessen einziges Ziel in Profit besteht – und deren Ideologie sich seit über 30 Jahren als nutzlos erweist, die Probleme der Menschheit zu lösen.
Um der Wahrheit die Ehre zu geben: es sind nicht nur die Regierungschefs plus Entourage, die wir hier verantwortlich für viele skandalöse globale Missstände machen, sondern auch die Profiteure dieser Politik und deren Handlanger in Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen, Medien.
Wie die allermeisten Kommentatoren der nationalen und internationalen Medien war ich nicht persönlich in Rostock; schon gar nicht befand ich mich in der Nähe der hier in Rede stehenden, auch durch Alkoholkonsum angestachelten, Ausschreitungen. Mehr noch aber scheinen sie mir angestachelt durch eine Politik, die seit 30 Jahren den immer gleichen Kurs fährt, ungeachtet der Warnrufe der Passagiere, der Besatzung und auch von Teilen der Offiziere, die so lauten könnten:
„Vorsicht, Skipper! Riffe: Arbeitslosigkeit! Umweltkatastrophen! Menschenrechtsverletzungen! Globale Instabilität! Soziale Verwerfungen! Hunger! Bürgerkrieg! Weltkrieg!“
Nicht zu vergessen die tatsächlich geschehenen Havarien und Katastrophen des Gesellschaftstankers MS „Abendland“ sozialer, medizinischer, ökologischer und ökonomischer – kurz: menschlicher Art, die vom sturen „Kurshalten“ und „Weiter So!“ der Crew auf der Brücke verursacht wurden.
Wer die Fernsehbilder aus Rostock von den Ausschreitungen gesehen hat, wird beeindruckt gewesen sein; das sind wir aber auch bei Hollywoodinszenierungen; und wer glaubt in Zeiten digitaler Bildmanipulation noch an die „Wahrheit“ von Bildern?
Nicht dass ich behaupte, die Bilder seien gefälscht, - oh nein. Aber es ist doch unmittelbar einsichtig, dass die Auswahl von Bildmaterial von einem großen gesellschaftlichen Ereignis stets subjektiv ist. Um es mal so zu sagen: man könnte direkt neben einem gerade stattfinden Mord stehen und dies Ereignis doch nicht auf Film oder Speichermedium bannen, weil man das Objektiv gerade woanders hinhält. Was wir also aus Rostock sehen, ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen, bunten Treiben, das in Rostock stattfindet.
Im WDR 5 Radio hörte ich heute um 13: 10 Uhr einen Beitrag zu unserem Thema. Vorab sei gesagt, dass positiv zu vermerken ist, dass man sich zumindest beim WDR noch auf die gute alte, ewig junge Tugend besonnen hat, beide Seiten von Konfliktparteien zu Wort kommen zu lassen.
http://www.wdr5.de/index.phtml?beitrag=908609
Manfred Stenner, der Sprecher des Netzwerkes Friedenkooperative, berichtete, dass die große gesellschaftliche Bewegung, die sich aus den einzelnen Demonstrationsgruppen unterschiedlichster Kritikansätze an der Globalisierung zusammen setzt, derzeit an einem seidenen Faden hänge, weil es eben die Ausschreitungen gegeben habe. Das wäre allerdings fatal: wenn die große globalisierungskritische Bewegung sich auf Grund einiger Betrunkener und inakzeptabler Gewalt auflösen würde. Das käme selbstredend der Gegenseite äußerst zu pass. Deshalb titelte ich auch hier: wenn Zwei sich streiten, freut sich der Dritte – und sei es , dass er hinter Stacheldraht und Militär versteckt ist.
Eine Auflösung der mit soviel Mühe organisierten Bewegung wäre umso entmutigender, bedenkt man, was ein Augenzeuge in der WDR Sendung berichtete: aus dem „Autonomen Block“ hätten sich nur einige wenige Menschen gelöst, um Streit mit der Polizei anzufangen. Das dann in der Hitze des Augenblicks andere Menschen in Angst geraten, sich vielleicht missverständlich verhalten – wen wundert es? Und da Polizisten auch Menschen sind kann es auf beiden Seiten zu Überreaktionen gekommen sein. Das wird jeder wissen, der schon einmal in gewalttätige Konflikte geraten ist.
Hier kann man nur raten: „Kühlen Kopf bewahren!“ Lasst die berechtigte globalisierungskritische Bewegung nicht von einigen Wenigen zerstören! Und vor allem: erst wenn alle Akteure „vom Platz sind“, ist so ein „Demospiel“ beendet.
Die Sprecherin der Sondereinsatzgruppe „Kavala“ der Polizei, Jessica Wessel, sagte im WDR Interview, die Polizei wende eine differenzierte Taktik an: man unterscheide zwischen friedlichen und gewalttätigen Demonstranten. Dafür, so Frau Wessel, sei die Polizei da: die friedlichen Demonstranten zu schützen und die Gewalttäter zu verhaften. So ein Verhalten der Polizei wäre allerdings zu begrüßen. Denn auch die Beamten der Polizei können berechtigte Kritik an dem Umbau der Gesellschaft seitens der neoliberalen Hegemonialmächte äußern und tun dies auch.
Eine Spaltung der Bevölkerung wäre nur im Interesse derer, die von Spaltung profitieren.
Es nervt, das die mediale Berichterstattung in den mainstream Medien sich mit Genuss auf die Bilder der Gewalttäter stürzt. Das ist typisch in einer Kultur, die auf Aggression und Repression elementarster menschlicher Bedürfnisse beruht und allein noch die Einschaltquote und die daraus resultierenden Werbeeinnahmen als Maßstab für Erfolg oder Nichterfolg kennt.
Schon haben sich die CDU Ministerpräsidenten Millbradt, und Oettinger sowie ihr Kollege Kauder von der CDU Bundestagsfraktion als Hardliner geoutet. Sie plädierten für ein „härteres Durchgreifen“ der Polizei. Und das von Leuten, die sich Problemen wie Mitgliederschwund, stetig sinkender Wahlbeteiligung und allgemeiner Staatsverdrossenheit und gar Verachtung gegenüber sehen.
Mit Härte jedoch wird man nur wieder weitere Konflikte provozieren. Vielleicht wollen das die CDU Granden? Denn bietet nicht Gewalt das scheinbar beste Argument für eine allgemeine Verschärfung der gesellschaftlichen Zustände? Schlichte Gemüter rufen angesichts der Gewaltbilder aus Rostock nach noch mehr Polizei, noch mehr Überwachung, noch mehr Repressionen – und diese Politiker werden nicht zögern, die Demokratie in der Gewalt absaufen zu lassen und ihre orwellsche Diktatur weiter zu perfektionieren.
Gewalt aber gebiert nur Gewalt. Gewalt wird niemals zum Frieden führen.
Lassen wir uns in unserer begründeten und berechtigten Kritik an der Politik der G8 Staaten nicht beiirren und lassen wir auch die gerade aufkeimende Gesellschaftsbewegung nicht zertreten von Leuten, die offenbar nicht von Zwölf bis Mittag denken. Soviel Disziplin und Erkenntnisvermögen muss unter Erwachsenen sein. Dann wird man auch eine andere Politik realisieren können.
Klaus Jäger, 04.06.2007 ; 19:25