Die meisten können noch den Kopf schütteln über die Unvernunft da „oben“. Die meisten fragen sich noch, warum die da „oben“ das machen. Doch die Zahl derer, die resignieren, wird größer. Manchen Leserbriefen merkt man an, dass sie unter Tränen geschrieben wurden. Gleichgültigkeit macht sich breit, Einerlei. Sind das Auswirkungen von einhundert Jahren größter physischer und psychischer Anstrengungen, sind das Anzeichen von Erschöpfung? Ist unser Volk müde von den Anspannungen des zwanzigsten Jahrhunderts? Nein, der Einzelne kann ermüden, aber Völker nicht. Die gesellschaftliche Stagnation hat andere Gründe. Es fehlt an befreienden Botschaften. Es fehlt der Geist, der alles belebt, denn am Anfang steht das Wort. Wenn der Verzweifelnde die richtige Botschaft hört, dann wird er sich aufrichten.
Wenn Frau Merkel auffordert, mehr Freiheit zu wagen, dann könnte dass Hoffnung machen. Wenn Frau Merkel vorhat, uns eine EU-Verfassung überzustülpen, um die Freiheit der Selbstbestimmung abzuschaffen, dann zerstört sie Hoffnungen, denn die Hoffnung ist Erwartung von Freiheit. Sie wollte nichts Falsches versprechen und ehrlicher sein als ihr Vorgänger. Sie wollte Deutschland besser regieren. Sie wollte mit Mut und Menschlichkeit das Land voranbringen. Sie wollte, sie wollte schon vieles, doch zuwege gebracht hat sie von all dem nichts. Wir bestreiten nicht ihr Wollen, sondern ihr Können.
Die Erzeugung von Informationen und ihre Verbreitung übersteigt heute in ihrer Bedeutung die materielle Produktion. Die Entwicklung der Informationstechnik lässt diesen Strom weiter anschwellen und ihre Effizienz gibt uns schon einen Vorgeschmack auf künftige technische Lösungen. Schlecht ist, wenn dem Volk Informationen vorenthalten werden, mit welcher Begründung auch immer. Gut ist, wenn es über alles informiert wird. Die oft gestellte Frage, ob die Informationsfülle gut oder schlecht sei, können wir also nur mit „Das ist gut so“ beantworten. Millionen und aber Millionen Gehirne verarbeiten sie und aus dieser Verarbeitung entstehen Richtung und Energie für das Verhalten der Einzelnen, Vieler und schließlich Aller. Dank dieser Informationsaustausche wird die Menschheit ein Subjekt mit vielen Organen, das immer besser zusammenwirkt. Dieses kollektive System der Informationsverarbeitung arbeitet umso präziser, je weniger die Informationen vorbehandelt und mit Etiketten versehen werden, die uns mit Wertungen gleichschalten sollen. Informationen sind ein Mittel gegen Müdigkeit. Sie sind ein wahrer Treibstoff für die Menschen. Deshalb tun Regierungen gut daran, dafür zu sorgen, dass die Informationen, die weltweit zur Verfügung stehen, für jeden frei zugänglich sind und jeder über die Bedingungen verfügt, an der weltweiten Kommunikation teilzunehmen. Das ist in Deutschland beileibe nicht so. Wir sind weder ein Musterland der Demokratie, noch der freien Information.
Können Völker noch aus der Geschichte ausscheiden? So einfach in Vergessenheit geraten? Als behauptet wurde, die Maschine würde den Menschen eintönig machen und die ganze Maschinenwelt würde uns uniformieren, war das gleichbedeutend mit der Vorankündigung, dass uns das unvermeidliche Ende bevorstünde, dass sich der Mensch seine Freiheit und Vielseitigkeit durch den technischen Fortschritt selbst zerstört. Wenn wir uns nicht mehr voneinander unterscheiden können, wissen wir auch nicht, dass wir sind. Und wo sich die Individuen nicht mehr unterscheiden, da gibt es auch keine Unterschiede zwischen Gruppen und Völkern. Der technische Fortschritt würde uns alle zu einem lebenden Brei wandeln, der willenlos und selbstgenügsam die Erde verunstaltet. Das war die Theorie, mit der die Aussichtslosigkeit begründet werden sollte, und von G. Orwell mit „1984“ als Vision in die Welt gesetzt wurde. Der Mensch der Zukunft würde unfrei sein. Die Angst, dass es so kommen muss, ist zwar unbegründet, aber nicht die Angst, dass es so kommen kann. Und diese reicht schon aus, um eine allgemeine Verunsicherung zu verbreiten. Die Angst, als Eingeständnis der Unterlegenheit, ist ein Mittel von Herrschaft. Die Unvermeidlichkeit von fremder Allmacht gegen eigene Ohnmacht, darin drückt sich das Wesen der Untergangsphilosophie des zwanzigsten Jahrhunderts aus. Diese hat auf ihre Weise dazu beigetragen, dass die sozialen Konflikte als Verzweiflungstaten ausgetragen wurden, mit einer verzweifelten Alles-oder-Nichts-Entschlossenheit.
Nachdem nun die Kämpfe vorbei sind, kann man feststellen, dass weder die Individualität, noch die Nationen verschwunden sind. Es ist also nicht eingetreten, was dem technischen Fortschritt angelastet wurde. Im Gegenteil, die Welt ist noch bunter geworden. Die menschlichen Lebensformen differenzieren sich. Und auch vertikal löst sich die schroffe Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft auf. Die Gegenwart wird größer und vielfältiger. Befreiung wird immer auch als subjektive Differenzierung gefordert, ob als Individualität des Einzelnen, der Gruppe oder ganzer Völker. Die Theorie vom eindimensionalen fremd gesteuerten Menschen stimmte zu keiner Zeit. Wie sonst hätten die Menschen so rebellieren können, wenn sie innerlich tot waren? Wieso würden sie heute warten, wenn es keinen Drang in ihnen gäbe, die Besonderheit auszubilden,? Dieses Fatum der Fremdgesteuertheit richtet sich gegen die Freiheit des Handelns. Dieser Kult wird gezüchtet von den Herrschenden. Der Wahnglaube an dämonische Mächte, die alles an ihren Fäden steuern, ist nicht nur eine kindliche Interpretation von Weltgeschichte, sondern auch tödliches Gift gegen alle Befreiungsversuche.
Lassen wir einmal die einzelnen Ziele außer Betracht, so erhebt sich doch die Frage: Gab es ein Jahrhundert zuvor, in dem so große Menschenmassen mit solcher Leidenschaft, mit einer solchen inneren Aufgewühltheit Verhältnisse und ethische Normen zerstört und zerstampft haben, weil diese ihnen nicht mehr passten? Nie zuvor wurde in dem Ausmaß so fanatisch gekämpft wie im zwanzigsten Jahrhundert. Und alles wurde hektisch erledigt. Als würde die Zeit davon laufen. Dieser Wettlauf mit der Zeit war einerseits eine Herrschaftspeitsche, eine in die Gesellschaft hineingetragene Zwangsvorstellung, die innere Gelassenheit und wirkliche Lebensfreude nicht zuließ. Überall drohte Zeitverlust. Die Jagd nach der verlorenen Zeit spielte in allem eine maßgebliche Rolle, im Arbeitsprozess, in den Kriegen und in der unbändigen Hast nach dem Glück. Durch diesen Zeitdruck wurden gewaltige Energien frei gesetzt, obwohl es nur ein vorgetäuschter Zeitdruck war. Andererseits war diese Gefühl, etwas zu verpassen, ein Ausdruck dafür, dass ständig etwas unerledigt blieb, dass man den Anschluss noch nicht gefunden hatte. Wie wird es aussehen, wenn die Menschen vor der wirklichen Notwendigkeit stehen, wenn sie plötzlich erkennen, dass vor ihnen eine dunkle Wand aufzieht? Die Hektik des zwanzigsten Jahrhunderts hatte mit tiefgründiger Verunsicherung zu tun.
Diese Unsicherheit hält an. Etwas flüchtig erledigen, heißt, auf der Flucht zu sein. Da hat sich zu Beginn dieses Jahrhunderts noch gar nichts geändert. Unsicher und deshalb unschlüssig schauen wir dorthin und dahin. Uns fehlt die Aufklärung. Wir stehen nach wie vor unvorbereitet vor der Aufgabe, die Gesellschaft zu verändern. Wie die Menschen in der DDR nicht vorbereitet waren auf die Wende, so sind wir heute nicht vorbereitet auf die notwendige Zäsur. Eigentlich hätte sie damals schon eingeleitet werden müssen. Doch das geschah nicht. Nicht vor allem deshalb, weil damals die viel stärkere BRD das nicht zu ließ, sondern weil überhaupt nicht gewusst wurde, was erfolgen sollte. Wie naiv ist es, sich heute mit Appellen an die Regierenden zu wenden, sie mögen vernünftig handeln. Als würden sie wissen und können, was zu tun ist. - Die Menschen im Osten hatten keine neue Idee, die hätte überspringen können auf den Westen. Und die Menschen im Westen sahen keinen Grund, eine solche zu haben. Weder die Ostdeutschen, und die Westdeutschen nicht weniger, hatten einen Schimmer davon, was eigentlich zu tun war. Letztere vermuteten nicht, dass mit dem Zusammenbruch des Sozialismus auch ihre Welt ins Rutschen käme, dass nun auch ihre Karten neu gemischt würden. Die Angleichung der Lebensverhältnisse war eine irreführende, eine ablenkende Parole. Die Erneuerung Deutschlands als nun möglich gewordenen Aufgabe war nicht bekannt, obwohl sie geschichtlich auf der Tagesordnung stand. Das einzige, was als Orientierung diente, war das Nationale, aber das Nationale ist keine Zukunftsorientierung. Es bringt nichts Neues hervor, es hält aber zusammen und wirkt insofern konservativ. Und selbst das war schon suspekt, weshalb es schnell aus dem öffentlichen Bild verdrängt wurde. Gewollt war ein Volk ohne Zusammenhalt und ohne Zukunftsblick.
Die Triebkraft von Handlung ist ein bestimmter Zweck. Die Bewegung, die diesen verfolgt, muss sich aber in nationalen Formen vollziehen. Das wurde in der Geschichte immer wieder recht schnell erkannt. Selbst der internationalistisch orientierte Sozialismus hatte das verstanden. Die Missachtung und Leugnung des Nationalen macht ein Volk handlungsunfähig, weil es nicht weiß, wie es sich äußern soll. Insofern sind nationale Diskriminierung und Selbstverleugnung regelrechte Hindernisse für unsere Zukunft. Das ist übrigens der wichtigste Grund dafür, dass die Grünen als Partei versagt haben. Die Erneuerung Deutschlands kann nur als deutsche Erneuerung erfolgen, als deutscher Weg in die Zukunft.
Wir Deutschen wussten damals insgesamt nicht, was unsere Aufgabe war. Und wir wissen es heute noch immer nicht. Nur jetzt ist der Zeitpuffer so eng, dass jeder spürt, das es so nicht mehr weiter geht. Es gibt kein geschichtliches Zwischenspiel oder Ausweichen mehr, wie die Übertragung des westdeutschen Systems auf die ostdeutschen Länder. Lange kann es nicht mehr dauern. Das ist ein weit verbreitetes Gefühl, im Westen wie im Osten. Eine wirkliche Volkseinheit können wir nur werden, wenn wir uns gemeinsam um unsere Zukunft sorgen werden, geistig und praktisch. Erst wenn wir die Erneuerung in Angriff nehmen, werden wir wirklich einig werden.
Plötzlich spricht jeder davon. Die Notwendigkeit nimmt konkrete Gestalt an. Sie ist nicht mehr lediglich Möglichkeit und Gebot, sondern materielle Drohung, der sich keiner entziehen kann. Die Klimakatastrophe zieht wie ein Unwetter auf. Sie wird alles durcheinander bringen. Sie wird uns zwingen, gemeinschaftlich zu denken und erfinderisch zu werden. Noch gelingt es, das Problem zu bagatellisieren und wird der Blick nach vorn als Hysteriemache verächtlich gemacht. Die Gegenmaßnahmen sind nichts weiter als eine Vortäuschung, man würde sich der Herausforderung stellen und ein Vorwand, den Bürgern neue finanzielle Lasten aufzubürden. Ist das nicht die Stunde der Opposition, jetzt dem Volk die Augen zu öffnen? Sie hält sich zurück, weil sie spürt, dass sich hier ein Problem auftut, das dieses System überfordert. Mit der Klimakatastrophe schlägt die Stunde der Wahrheit für das alte System, für die Zivilisation, für das, was die Menschen über Jahrtausende der Natur angetan haben. Deswegen verlangt ihre Abwendung, über die herkömmlichen Denk- und Verhaltensstrukturen und menschlichen Zielsetzungen hinauszugehen.
Kommt wirklich niemand auf die Idee, mit weniger besser auszukommen, weil alles anders gemacht wird? Das klingt paradox und ist doch die Maxime für den Ausweg. Mit weniger besser machen, ist nur möglich, wenn wir alles anders machen und dazu auch über mehr Wissen verfügen.
Wir können zwar zurückblicken, dürfen uns davon aber keine Hinweise für heute versprechen. Es gibt kein Vorbild für das, was wir tun müssen, denn verglichen mit dem, was heute ansteht, waren die Aufgaben in der Vergangenheit nur Formenwechsel. In Frankreich wurde seinerzeit der König enthauptet und ein Kaiser krönte sich. Auch alles, was im zwanzigsten Jahrhundert geschah, war nur Formenwandel. Aber dieser war schon Versagen, er war Niedergang, nicht Aufstieg, denn dieser Formenwandel war nicht notwendig. Er hätte über die Grenze der Zivilisation, der Herrschaftsgesellschaft, führen müssen, aber er blieb innerhalb dieser. Es gab viel Blutvergießen und Gewalt, aber es gab keine Revolution im Sinne von Umwälzung. Das zwanzigste Jahrhundert war in seiner geschichtlichen Bedeutung wesentlich reaktionär. Es war nicht auf der Höhe der Zeit. Die Notwendigkeit zur Erneuerung und die Unfähigkeit, diese wenigsten einzuleiten, war das Dilemma. Die Erkenntnis, für die ein so hoher Preis gezahlt werden musste, lautet: die Wege, die eingeschlagen wurden, waren nicht zukunftsfähig. Die Energien für eine neue Ausrichtung waren vorhanden, aber nicht die Orientierung. Und das war der Grund, warum sie so zerstörerisch wirkten. Wer heute nach rückwärts blickt, beschwört ein neues Fiasko herauf. Es gibt kein Vorbild für das Kommende. Jede schnelle Lösung ist verdächtig. Hier liegt ein berechtigter Grund des Zögerns. Galt bisher: kaum gemessen, schon geschnitten, so muss nun gelten: siebenmal messen und dann schneiden.
Wir dürfen nicht länger zögern, den Zug auf ein anderes Gleis zu lenken. Jedes Hinauszögern erhöht das Risiko der Selbstzerstörung. Die Kräfte platzen förmlich aus den Nähten. Wir haben also großartige Voraussetzungen. Was uns fehlt, ist die Fähigkeit und Entschlossenheit, die Weichen zu stellen. Noch sind die Schäden beherrschbar, aber bald werden wir dazu nicht mehr in der Lage sein. Die Zeit wird knapp. Wir vertun sie mit wichtig erscheinenden Dingen. Die Zeitknappheit im zwanzigsten Jahrhundert war ein Reflex der untergehenden Ordnung. Die Zeitknappheit jetzt resultiert aus der existentiellen Bedrohung des Menschen und damit aus dem Erfordernis nach einer neuen Ordnung. Jetzt gilt es wirklich mit größter Rationalität zu arbeiten. Neu wird sein, dass die Menschen Freude haben werden an ihrem Tun, weil sie endlich auf dem richtigen Wege sind. Ungewissheit und banges Fragen werden dann vorbei sein. Ein neues Lebensgefühl wird ihnen Halt geben aus dem gemeinsamen Erleben alles Lebenden. Seien wir froh darüber, dass wir das vorbereiten dürfen und wir die Gewissheit haben, dass am Ende doch noch alles gut wird, nachdem es so schlecht aussah.
J. Hertrampf